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Vorwort: Südasien in der «Neuzeit»

Quelle: Weltregionen 5 - Südasien in der «Neuzeit». Herausgegeben von Karin Preisendanz und Dietmar Rothermund. Wien: Promedia 2003.


Südasien ist seit vorgeschichtlicher Zeit einer der großen Kulturräume der Menschheit, heute ist es die Heimat von fast einem Viertel der Weltbevölkerung. Ein Überblick über die Geschichte dieser Weltregion von der Zeit der Induskultur bis heute würde den Rahmen dieses Bandes sprengen. Deshalb beschränken wir uns hier auf die »Neuzeit«. Das ist eine aus der europäischen Geschichte entlehnte Kategorie, die aber auch für die Geschichte Südasiens durchaus sinnvoll verwendet werden kann, wie im einleitenden Kapitel näher begründet wird. Doch selbst bei einer Beschränkung auf die Geschichte von fünf Jahrhunderten ist es nicht möglich, im vorgegebenen Rahmen eine umfassende Darstellung des Themas zu bieten. Es werden daher Sondierungen verschiedener thematischer Felder aus der Sicht mehrerer Disziplinen vorgenommen, die einen Eindruck von der Vielfalt der historischen Erfahrung dieser Weltregion vermitteln. Dabei ist weder eine chronologische noch eine streng systematische Anordnung der Beiträge sinnvoll. Zur Orientierung soll hier ein »Fahrplan« skizziert werden, der die Verbindungen der Beiträge aufzeigt.
Die Reise beginnt mit der Einleitung von Dietmar Rothermund, in der der Versuch unternommen wird, die Grundzüge der historischen Entwicklung dieser Weltregion aufzuzeigen. Es folgt der Beitrag von Margret Frenz, der zeigt, auf welche Weise indigene Herrschaftsvorstellungen und die der britischen Kolonialherren im Widerspruch zueinander standen.
Die brahmanische Philosophie mit ihren alten Traditionen wirkte auch in der »Neuzeit« weiter und fand ihren speziellen Ausdruck in den Werken der Gelehrten, was Karin Preisendanz anhand des Beispiels einer besonders lebendigen Tradition untersucht hat. Seit dem späten Mittelalter war aber Südasien auch der Hort einer bedeutsamen islamischen Gelehrsamkeit. Es wird oft übersehen, dass in Südasien weit mehr Muslime leben als in West- oder Südostasien. Heute sind es nahezu 400 Millionen. Sie haben über die Jahrhunderte ein reges geistiges Leben entfaltet. Jamal Malik berichtet darüber in seinem Beitrag.
Die britische Kolonialherrschaft hat in Südasien das Bildungswesen entscheidend geprägt. Im Zuge des Freiheitskampfes setzte man sich mit diesem Einfluss auseinander und versuchte, eine nationale Bildung zu schaffen und institutionell zu verankern. Harald Fischer-Tiné widmete diesem Thema seine Forschungsarbeit, in die er in seinem Beitrag einen interessanten Einblick gibt.
Das britische Bildungswesen ermöglichte auch den Transfer von wissenschaftlichen Kenntnissen. Doch gab es zugleich Bemühungen indischer Wissenschaftler, einheimische Wissenschaftstraditionen mit den importierten Kenntnissen zu verbinden. Es ent-standen auf diese Weise unter Umständen ganz neue Einsichten. Christiane Hartnack ist diesem Phänomen nachgegangen.
Die Geschichte der Frauen ist gerade in dieser Weltregion von ganz besonderer Bedeutung. Im Norden der Region herrschen patriarchale Traditionen vor, im Süden gibt es noch deutliche Spuren einer matriarchalen Kultur. Während die große Mehrheit der Frauen stark benachteiligt ist, haben andererseits gerade in Südasien mehrfach Frauen höchste Machtpositionen erlangt. Das unterschiedlich geformte Schicksal der Frauen Südasiens ist Gegenstand des Beitrags von Gita Dharampal-Frick.
Der Übergang von der kolonialen zur post-kolonialen Erfahrung wurde durch den Zweiten Weltkrieg und die ihm folgende Dekolonisierung entscheidend geprägt, wie Jürgen Lütt in seinem Beitrag zeigt. Die Jahrzehnte nach Erlangung der Unabhängigkeit wurden zumindest in Indien von einem politischen Regime gestaltet, das seine Legitimation aus dem Freiheitskampf bezog. Der Hindu-Nationalismus spielte zu dieser Zeit noch keine wesentliche Rolle, er hat sich jedoch in jüngster Zeit zu einer bemerkenswerten politischen Kraft entwickelt, die Anspruch auf die Loyalität der Mehrheit der indischen Nation erhebt. Clemens Six hat diese Entwicklung untersucht und stellt ihre aktuellen Ausdrucksformen in seinem Beitrag dar.
Die Sozialgeschichte Südasiens ist zu einem großen Teil die Geschichte der Arbeiterschaft. Diesem Thema hat Ravi Ahuja seine Forschungsarbeit gewidmet. Ein ähnlich weitreichendes Thema ist das des Umgangs der Menschen mit der Natur. Die Umweltgeschichte Südasiens hat in jüngster Zeit eine Reihe von Historikern beschäftigt. Michael Mann gehört zu ihnen und behandelt in seinem Beitrag dieses Themenfeld.
Wie die Übersicht über die Sondierungen der Themenfelder zeigt, sind Aspekte der politischen Geschichte, der Sozial- und Umweltgeschichte und der Kultur- und Geistesgeschichte gleichermaßen berücksichtigt worden. Diese breit angelegte Darstellungsweise wird dem Reichtum und der Komplexität der Geschichte Südasiens eher gerecht als eine Geschichte, die sich nur an der Entwicklung politischer Institutionen orientiert. Sie bietet naturgemäß kein auf den ersten Blick einprägsames Bild, sondern ähnelt eher dem farbigen Muster, das bei jeder Drehung eines Kaleidoskops auf neue und unerwartete Weise entsteht. Es ist zu hoffen, dass durch diese Darstellungsweise ein lebendiges Interesse an der Geschichte Südasiens erzeugt wird, das zum Weiterdenken anregt und zum besseren Verständnis der Menschen wie auch der Probleme der Region beiträgt. Da in keinem der Beiträge die Wirtschaftsgeschichte behandelt wurde, ist dem Buch noch ein Kapitel von Dietmar Rothermund hinzugefügt worden, das diesem Gegenstand gewidmet ist.
Die Herausgeber sind dem Kollegen Peter Feldbauer zu Dank verpflichtet. Er hat Ringvorlesung und Drucklegung auf vorbildliche Weise koordiniert.

Dietmar Rothermund


Quelle: Weltregionen 5 - Südasien in der «Neuzeit». Herausgegeben von Karin Preisendanz und Dietmar Rothermund. Wien: Promedia 2003.
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