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Arbeit und Kolonialherrschaft im neuzeitlichen Südasien: Eine Einführung

Ravi Ahuja

Quelle: Weltregionen 5 - Südasien in der «Neuzeit». Herausgegeben von Karin Preisendanz und Dietmar Rothermund. Wien: Promedia 2003.

Gibt es eine »neuzeitliche Arbeitsgeschichte«?

Die neuzeitliche Epoche - ist das mehr als ein regionalgeschichtlicher Periodisierungsbegriff, dessen Anwendbarkeit auf die letzten fünf Jahrhunderte europäischer Geschichte beschränkt ist? Macht es denn überhaupt Sinn, von einer südasiatischen »Neuzeit« zu sprechen? Wenn eine »Epoche« als eine ausgedehnte, durch besondere Grundmerkmale charakterisierte Periode der Gesellschaftsgeschichte verstanden wird, können wir uns Antworten auf diese Fragen nur durch systematische Untersuchung jener Gesamtheit von Ideen und Praxen annähern, die in dieser Periode eben die Gesellschaften Südasiens ausmachten. In diesem Beitrag wollen wir eine solche Annäherung in einem ebenso grundlegenden wie alltäglichen Bereich gesellschaftlicher Praxis versuchen: der Arbeit. Insbesondere wollen wir den Fragen nachgehen, ob in Südasien von einer »neuzeitlichen Arbeitsgeschichte« gesprochen werden kann, und wenn dem so ist, wodurch sich diese auszeichnet.
Auf diesem Gebiet ist es sicherlich noch weniger möglich als in der Geistes- oder Militärgeschichte, eine »Epochenschwelle« exakt zu datieren (vgl. Dietmar Rothermunds Beitrag im vorliegenden Band). Dennoch kann die erste unserer Fragen, die nach der Existenz einer neuzeitlichen südasiatischen Arbeitsgeschichte, mit einigem Grund bejaht werden. Denn für die letzten vier, vielleicht fünf Jahrhunderte lässt sich trotz wesentlicher Besonderheiten eine tiefgreifende, zur europäischen Arbeitsgeschichte parallel verlaufende allgemeine Entwicklungstendenz erkennen: In dieser Periode erlangten Märkte für den Charakter der Arbeit immer größere Bedeutung, wurden zunehmend Waren für den Verkauf und nachlassend Güter für den Eigenverbrauch produziert. Diese wachsende Marktorientierung veränderte nicht nur immer wieder die Produkte, sondern auch die Arbeits- und Lebensverhältnisse der Produzenten: Auf einem kurvenreichen, bald ansteigenden, bald abfallenden Weg setzten sich neue Formen der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit durch - äußerst vielfältige Formen, die aber sämtlich eines gemeinsam hatten: Arbeitsverhältnisse wurden in Südasien wie im neuzeitlichen Europa zunehmend mit Zahlungsverpflichtungen gleichgesetzt und in Geld gemessen: sie wurden also »kommerzialisiert«.

Kommerzialisierung:
Die Formierung der neuzeitlichen Arbeitswelt Südasiens

Kommerzialisierung bedeutete hier wie dort freilich keineswegs, dass Lohnarbeit, also der Ankauf der scheinbar in eine Ware verwandelten Arbeitskraft durch einen Unternehmer, unmittelbar zum prägenden Arbeitsverhältnis geworden wäre. In Indien haben die Lohnempfänger die Bauern zahlenmäßig noch deutlich später als in Europa und erst lange nach dem Ende der britischen Herrschaft überflügelt, nämlich im ausgehenden 20. Jahrhundert. Diese Ungleichzeitigkeit ist allerdings nicht darin begründet, dass die Idee der »freien Lohnarbeit« nachträglich und von außen, sozusagen als Kolonialimport aus Europa eingeführt worden wäre - das tamilische Wort »Kuli« etwa bedeutete schon lange vor Beginn der britischen Herrschaft »Lohn«. Eine als »Kuli« oder »Kuliyal« bezeichnete Person war entsprechend ein zeitweilig beschäftigter Lohnempfänger in klarer Abgrenzung von Arbeitskräften, die in andere, persönlichere und oft langfristigere Dienstverhältnisse eingebunden waren. (Die Konnotationen, die dem Kuli die Eigenschaft eines willenlosen menschlichen Werkzeuges zukommen lassen, sind offenbar großteils erst unter britischer Kolonialherrschaft entstanden.)
»Kommerzialisierte Arbeit« wurde im frühneuzeitlichen indischen Handwerk vor allem von zusehends spezialisierteren, als »Jatis« (d.h. Kasten) organisierten Gemeinschaften ausgeübt, die oft auf dem Lande wohnten, dort ihr Handwerk nicht selten mit Landwirtschaft kombinierten, aber dennoch höchst mobil waren. Indische Kaufleute oder Agenten europäischer Ostindiengesellschaften finanzierten meistens die Produktion dieser Handwerker mit Krediten vor und stellten später zunehmend auch Arbeitsmittel (wie etwa Garn) zur Verfügung. Im Gegenzug waren die Handwerker dann zur Abgabe ihrer Produkte an ihre Gläubiger verpflichtet. So waren also etwa Weber oder Tuchbleicher nicht durch Lohnverträge, sondern durch Schuldverpflichtungen an verschiedene Vertreter des indischen oder europäischen Handelskapitals gebunden. Zugleich konnten reichere südindische Handwerker ihrerseits schon im 18. Jahrhundert weitere Arbeitskräfte als Lohnarbeiter oder Schuldknechte beschäftigen. Die Arbeit im kommerziellen Handwerk war also spätestens seit dem 17. Jahrhundert und lange vor Beginn der britischen Kolonialherrschaft nach dem »Kaufsystem«, später dann auch nach dem »Verlagssystem« organisiert - ganz ähnlich wie die zeitgenössische europäische »Hausindustrie«, von der wir nach der historischen Debatte über die »Proto-Industrialisierung« soviel mehr wissen als über ihr südasiatisches Gegenstück. Nicht alles kommerzielle Handwerk war ländlich und dezentralisiert - überliefert ist auch die Existenz von »Karkhanas« in den urbanen Zentren des Mogulreiches, d.h. von Werkstätten, in denen v. a. Luxusgüter für den höfischen Bedarf produziert wurden. Zudem entwickelten sich etwa im Münzwesen und im Schiffbau Manufakturen, also große, arbeitsteilig organisierte, aber mit vorindustriellen Technologien produzierende Betriebe. Die Förderungsrechte für wertvolle Rohstoffe, beispielsweise für die Diamantminen Golcondahs oder die Perlenfischerei im Golf von Mannar, hatten mächtige Kaufleute gepachtet, die zahlreiche Subunternehmer engagierten, die ihrerseits häufig weitere Arbeitskräfte beschäftigten (Perlin 1994; Tchitcherov 1998).
Wie in Europa entwickelte sich die Kommerzialisierung des Handwerkes in Südasien regional sehr ungleichmäßig - so war die exportorientierte Textilproduktion vor allem in Gujarat im Westen, in Bengalen im Osten und an der indischen Südostküste konzentriert. Allerdings führte die besondere koloniale Situation in Indien dazu, dass sich die (in europäischen Regionen ebenfalls zu beobachtenden) De-Industrialisierungseffekte, also ein Niedergang des kommerziellen Handwerks, im frühen 19. Jahrhundert sehr viel umfassender durchsetzten als in Europa: Indische Kaufleute verloren den Zugang zu alten Exportmärkten für indische Handwerksprodukte, und der Subkontinent wurde im Rahmen der Kolonialökonomie zu einem garantiert ungeschützten Absatzmarkt für britische Industriewaren. Zudem führte die britische Steuerpolitik insgesamt zu einer »Verbäuerlichung« der indischen Gesellschaft und insbesondere zu einer Umorientierung des indischen Handelskapitals auf das landwirtschaftliche Kreditgeschäft (Washbrook 1988; Bayly 1993). Dies bedeutet freilich nicht, dass das vorindustrielle kommerzielle Handwerk Indiens in seiner Gänze untergegangen wäre - neuere Studien verweisen auf die Anpassungsfähigkeit verschiedener Handwerkergemeinschaften, die in der veränderten, von Industriekapitalismus und (so sollte man ergänzen) Kolonialherrschaft geprägten wirtschaftlichen Umwelt des neunzehnten Jahrhunderts nicht nur überlebten, sondern sich sogar neue Technologien und Organisationsformen aneigneten und neue Märkte zu eröffnen vermochten (Roy 1999). Wenn wir den klassischen Fall des Weberhandwerks nehmen, auf das sich die Industrialisierung besonders stark auswirkte, so wurden noch 1938/39 über 30 Prozent der indischen Tuchproduktion von Handwerksbetrieben gewebt. Obwohl sich der Produktionsanteil des kommerziellen Textilhandwerks damit seit der Jahrhundertwende halbiert hatte, war sein absoluter Produktionsumfang im selben Zeitraum verdoppelt worden. In vielen Bereichen blieb das kommerzielle Handwerk also prägend für die indische Arbeitswelt. Es bildete nicht nur eine strukturelle Grundlage für die Arbeitsverhältnisse in der modernen Großindustrie, sondern ist bis heute selbst ein wichtiger Beschäftigungssektor geblieben. Selbst frühneuzeitliche Formen der gesellschaftlichen Arbeitsorganisation wie das »Verlagssystem« haben nicht nur überlebt, sondern scheinen gegenwärtig, in einem ganz anderen weltwirtschaftlichen Kontext und mit verwandelter wirtschaftlicher Funktion, eine neue Blüte zu erleben.
Die frühneuzeitliche Kommerzialisierung erfasste indessen nicht allein das Handwerk, sondern auch die Landwirtschaft bestimmter Regionen des Subkontinents. In der fruchtbaren südindischen Tamilebene wurde Land beispielsweise spätestens seit dem 18. Jahrhundert zunehmend zu einer verkäuflichen Ressource. Dies untergrub ältere dorfgemeinschaftliche Formen der Landwirtschaft und führte auch zur Herausbildung differenzierter agrarischer Arbeitsverhältnisse. Die Spannbreite dieser Arbeitsverhältnisse reichte von verschiedenen Typen von Pächtern über den dauerhaft zu einem Ernteanteil berechtigten Landarbeiter über den saisonal beschäftigten, teils in Korn, teils in Geld entlohnten Erntehelfer bis hin zum Agrarsklaven (Ahuja 1999). Das britisch-koloniale Grundsteuer- und Rechtssystem führte dann im 19. Jahrhundert zu einer Verschärfung der Lebensverhältnisse landloser Bauern. Diesen standen nunmehr ehemals gemeinschaftlich genutzte Brachen und Wälder nicht mehr als ergänzende Einkunftsquellen zur Verfügung. Waren Landarbeiterfamilien bei landbesitzenden Bauern verschuldet und dadurch in dauerhafter oder sogar erblicher Abhängigkeit, so wurden solche Schuldknechtschaftsverhältnisse von kolonialem Recht noch weiter zementiert. In einigen Regionen wurden diese subordinierten, oft als »unberührbar« oder »tribal« stigmatisierten Schichten zum bevorzugten Rekrutierungsreservoir für Plantagen- und Bergarbeiter/innen (Bayly 1993; Anderson 1993).
Die forcierte Kommerzialisierung der Landwirtschaft bewirkte vor allem aber eine zunehmende Verschuldung von Kleinbauern, von denen viele nicht mehr allein von ihrem Land leben konnten, zumindest zusätzliche Verdienstquellen suchen mussten und ab der zweiten Jahrhunderthälfte, wie wir noch im Einzelnen sehen werden, immer häufiger Landwirtschaft auf dem Dorf mit Lohnarbeit in den neuen Industrien oder im Dienstleistungssektor der wachsenden Kolonialmetropolen kombinierten.
Insgesamt ist die Arbeitswelt Südasiens aber auch in der Neuzeit überwiegend agrarisch geblieben: In den letzten 50 Jahren britischer Herrschaft (eine Periode, für die verlässlichere Statistiken vorliegen) bestand die indische Erwerbsbevölkerung zur Hälfte aus Bauern, während ein weiteres Fünftel als Landarbeiter seinen Lebensunterhalt verdiente. In Handwerk und Industrie war gewöhnlich weniger als ein Zehntel beschäftigt, und hiervon wiederum nur ein Bruchteil in modernen Industriebetrieben. Und noch heute arbeiten rund zwei Drittel der indischen Erwerbsbevölkerung in der Landwirtschaft.
Die kommerzialisierte Arbeitswelt des frühneuzeitlichen Südasien umfasste allerdings nicht nur Handwerker und Bauern, wenngleich andere Berufsgruppen bislang kaum größeres Forschungsinteresse auf sich haben ziehen können. Die zunehmende Marktorientierung südasiatischer Regionalökonomien verstärkte im 17. und 18. Jahrhundert auch den Bedarf an städtischen Tagelöhnern und an Transportarbeitern aller Art - an Sänftenträgern, Kärrnern, Ochsentreibern, Küstenschiffern und, besonders in großen Flussdelten wie dem bengalischen, an Flussschiffern und Bootsleuten. Zudem war auch ein »militärischer Arbeitsmarkt«, ein hoher Bedarf an »Saisonsoldaten« entstanden. Viele plebejische Haushalte kombinierten diese Tätigkeiten mit anderen Verdienstquellen, etwa mit Gartenbau, Viehzucht oder Fischerei. Jedenfalls waren sie jedoch, wie zahlreiche Handwerker und agrarische Arbeitskräfte, in monetarisierte Arbeitsverhältnisse einbezogen: Geld spielte als Maßstab ihrer Arbeitsleistung und in ihrer alltäglichen Lebenspraxis bereits vor Beginn der Kolonialherrschaft eine prägende Rolle. Frühneuzeitliche südasiatische Arbeit war zudem auch, entgegen dem Klischee von der statischen indischen Dorfgemeinschaft, erstaunlich mobil: Die Kommerzialisierung hatte viele neue Tätigkeiten hervorgebracht und dadurch ein gewisses Maß an sozialer Mobilität geschaffen. Vor allem ist aber das hohe Maß an räumlicher Mobilität bemerkbar - die Bereitschaft von Handwerkern und anderen plebejischen Gruppen dorthin zu gehen, wo sie die besten Lebensumstände finden konnten (Ahuja 1999).


Industrialisierung:
Die Umformierung der neuzeitlichen Arbeitswelt Südasiens

Die »Neuzeit« brach also, so sollte deutlich geworden sein, in der südasiatischen Arbeitswelt nicht erst an, nachdem große Teile des Subkontinents zwischen den 1750er- und 1840er-Jahren unter britische Kolonialherrschaft geraten waren. Ältere Kommerzialisierungsprozesse, die dynamische Entwicklung handelskapitalistischer Wirtschaftsstrukturen seit spätestens dem 17. Jahrhundert, hatten da schon beträchtliche Teile der südasiatischen Bevölkerung aus gemeinschaftlichen, subsistenzwirtschaftlichen und geldlosen Erwerbsformen herausgelöst, ihren räumlichen Mobilitätsradius erweitert, vielfältige Formen von monetisierten Arbeitsverhältnissen einschließlich der Lohnarbeit etabliert und damit in einigen Regionen und Erwerbszweigen Ansätze für Arbeitsmärkte geschaffen. Dies waren wichtige Voraussetzungen, ohne die sich die koloniale Arbeitsökonomie nicht in ihrer späteren Form hätte herausbilden können. Aber es wäre auch falsch von einem kontinuierlichen, bruchlosen Übergang von der ersten, vom aufkommenden Handelskapitalismus geprägten Phase der neuzeitlichen Arbeitswelt in eine zweite auszugehen, in welcher ein entstehender Industriekapitalismus zumindest einem Teil der Arbeitsverhältnisse neue Züge verlieh. So ist schon darauf verwiesen worden, dass die frühneuzeitliche Kommerzialisierung mit dem Beginn der britischen Kolonialherrschaft in eine tiefe Krise geriet, umgewandelt und teilweise umgekehrt wurde: In vielen Regionen und Branchen war aufgrund hoher Besteuerung und britischer Importe das Phänomen der De-Industrialisierung zu beobachten; zahlreiche ältere städtische Zentren verloren an Bedeutung und infolgedessen sank auch ihr Arbeitskräftebedarf; nachdem die Briten ihre Vorherrschaft etabliert und indische Fürstentümer entweder annektiert oder entmilitarisiert hatten, brach der alte militärische Arbeitsmarkt zusammen; die Kolonialregierung versuchte, die Mobilität der Bevölkerung zu begrenzen und insbesondere nomadisierende Bevölkerungsgruppen (wie die auf Langstreckentransporte spezialisierten Banjaras oder Koravas) zu einer sesshaften, bäuerlichen Lebensweise zu zwingen; indisches Kapital zog sich in hohem Maße aus nichtagrarischen Sektoren zurück und insgesamt vollzog sich ein Prozess der »Verbäuerlichung« (Washbrook 1988; Bayly 1993). Während im 18. Jahrhundert in vielen Regionen des Subkontinents ein chronischer Arbeitskräftemangel geherrscht hatte, trugen die Entwicklungen des frühen 19. Jahrhunderts dazu bei, dass Unterbeschäftigung in Südasien zu einer Dauererscheinung wurde. Für die neuen Kolonialindustrien war ein Überangebot an billigen Arbeitskräften deshalb eine entscheidende Entstehungsbedingung, welche ihren Charakter dauerhaft prägen sollte - hierauf werden wir später noch zurückkommen.
Die Industrialisierung leitete, trotz all ihrer Begrenztheit, in Indien zweifellos eine zweite Phase in der Entwicklung der neuzeitlichen Arbeitswelt ein, in der dieser neue Züge aufprägt wurden. Der Beginn dieser »zweiten Phase« lässt sich zeitlich sehr viel leichter bestimmen als die »Epochenschwelle« zur neuzeitlichen Arbeitswelt. Obwohl frühe Ansätze bereits seit dem ersten Viertel des 19. Jahrhunderts feststellbar sind, erlangte die Entstehung neuer Wirtschafts- und Beschäftigungssektoren doch erst um die Jahrhundertmitte größere Dynamik. Diese neuen Sektoren, die in der ersten Industrialisierungsetappe bis zum Ersten Weltkrieg entstanden, waren im Einzelnen: Das moderne Transportwesen mit seinen Dampfschiffen und Eisenbahnen, die großbetrieblich organisierten Plantagen für Tee und andere tropische Exportgüter, die bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts hauptsächlich Baumwolle und Jute verarbeitenden Fabriken und schließlich die Bergwerke, in denen vor allem Steinkohle gefördert wurde. Bis auf die zunächst v.a. in Bombay konzentrierte Baumwollindustrie waren alle neuen Wirtschaftszweige fest von britischem Kapital kontrolliert, das z.T. Kartelle bildete, um indische Konkurrenz im Keim zu ersticken. Die zweite Industrialisierungsetappe, die sich etwa vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende der Kolonialherrschaft im Jahre 1947 erstreckte, war nicht mehr so stark von einer Freihandelspolitik geprägt, die zuvor britische Industrielle stark begünstigt hatte. Damit boten sich auch indischem Kapital größere Entfaltungsmöglichkeiten in der Industrie. Indische Unternehmer erlangten nun nicht lediglich Zutritt zu bestehenden, bisher ausschließlich britisch kontrollierten Industrien wie der Jutefabrikation oder der Dampfschifffahrt. Darüber hinaus hatte die Baumwollindustriellenfamilie Tata bereits 1907 genügend indisches Kapital für die Errichtung eines Stahlwerkes mobilisieren können. Während des Ersten Weltkrieges war der Kolonialstaat zur Vergabe von Großaufträgen an die Tata Iron and Steel Company (TISCO) gezwungen, die sich deshalb trotz der erforderlichen gewaltigen Investitionen rasch als äußerst profitabel erwies. In der Zwischenkriegszeit nahmen dann die Zement-, Zucker- und Papierindustrien einen dynamischen Aufschwung und der Zweite Weltkrieg ermöglichte schließlich die Entstehung von Ansätzen eines indischen Maschinenbaus und einer chemischen Industrie.
Was den Beschäftigungseffekt der neuen industriellen Produktions- und Dienstleistungsbetriebe angeht, so ist bereits darauf verwiesen worden, dass er den weitgehend agrarischen Charakter der südasiatischen Arbeitswelt nicht grundlegend zu verändern vermochte: Nach dem Rückzug der britischen Kolonialmacht arbeiteten Ende der 1940er-Jahre von den knapp 350 Millionen Einwohnern der neugegründeten Republik Indien nur etwa zehn Millionen in der Industrie - nicht einmal sechs Prozent der gesamten und bloß 17 Prozent der nicht-agrarischen Erwerbsbevölkerung. Von diesen zehn Millionen war wiederum nur etwa ein Viertel in Fabriken beschäftigt. Diese Zahlen verweisen zum einen auf die engen Grenzen und die Hemmnisse der Industrialisierung im kolonialen Indien; zum anderen reflektieren sie jedoch auch, dass nur eine Minderheit der neuen, vom Kolonialkapitalismus geschaffenen Arbeitsplätze in Fabriken aufzufinden war. Ein knapper Überblick über die wichtigsten der neuen Beschäftigungsfelder soll dies verdeutlichen.
Von den Arbeits- und Industriehistorikern Südasiens meist eher stiefmütterlich behandelt, wurden gerade auch durch die Transportrevolution des 19. Jahrhunderts, durch Eisenbahnbau und -betrieb sowie in geringerem Maße auch durch die Anlage neuartiger Seehäfen und durch die Dampfschifffahrt zahlreiche neue Lohnarbeitsverhältnisse geschaffen (wobei zugleich natürlich traditionelle Transportarbeitsplätze verloren gingen). Etwa 10 Millionen Frauen, Männer und Kinder sollen von der Eröffnung des ersten Streckenabschnitts im Jahre 1853 bis zur Wende zum 20. Jahrhundert ein Schienennetz von 39.000 km Länge gebaut haben, das bald das viertgrößte der Welt sein sollte. Der Betrieb der Eisenbahnen gab gegen 1900 bereits knapp 300.000 Menschen Beschäftigung. Als die britische Herrschaft endete, war diese Zahl auf rund eine Million Eisenbahner angestiegen, von denen etwa zehn Prozent in Instandhaltungswerkstätten arbeiteten, die oft ausgesprochene industrielle Großbetriebe waren (Kerr 1997).
Die Dampfschifffahrt erlangte mit der Eröffnung des Suezkanals (1869) als Beschäftigungssektor größere Bedeutung: Danach waren in der Regel etwa 50.000 indische Seeleute allein bei der britischen Handelsmarine beschäftigt; die Gesamtzahl der so genannten »Lascars«, die in den Hauptrekrutierungshäfen Bombay und Kalkutta im Jahre 1930 angeheuert hatten oder ein Schiff suchten, wurde sogar auf 300.000 geschätzt (Balachandran 1999; Ahuja 2002).
Die weitaus größte Zahl neuer Arbeitsplätze wurde allerdings durch den Aufstieg eines besonderen Typus neuzeitlicher Produktionsorganisation geschaffen: durch die Plantage. Plantagen sind als agroindustrielle Großbetriebe gekennzeichnet worden, die mit einfacher Technologie und zahlreichen Arbeitskräften tropische Produkte für den Weltmarkt produzieren. Sie waren vorwiegend im Besitz westlicher Kapitalgesellschaften und die Arbeitsverhältnisse auf ihnen waren bis weit in das 20. Jahrhundert hinein keineswegs solche der »freien Lohnarbeit«. Die meisten »Plantagenkulis« wurden zur Unterzeichnung von so genannten »indenture«-Kontrakten bewegt, die sie meist in großer Entfernung von ihren Heimatorten für eine mehrjährige Vertragsfrist ohne Kündigungsmöglichkeit der umfassenden und fast unkontrollierten Gewalt eines Pflanzers überließen. Der wichtigste Zweig der südasiatischen Plantagenwirtschaft war die seit den 1860er-Jahren stark expandierende Teeindustrie, die besonders in Assam konzentriert und noch einige Jahre nach der indischen Unabhängigkeit fast vollständig von britischen Kapitalgesellschaften kontrolliert wurde. Auf indischen Plantagen waren 1929/30 über eine Million Menschen beschäftigt (Behal/Mohapatra 1992; Das Gupta 1994). Hinzu kommt eine nur schwer rekonstruierbare, jedenfalls aber mehrere Millionen Menschen umfassende Zahl von »indentured labourers«, die seit den 1830er-Jahren als Plantagenarbeiter auf »Zuckerinseln« des Indischen Ozeans wie Mauritius, nach Ceylon, Burma oder Malaya, in die Karibik oder in andere Weltgegenden verschifft wurden, wo diejenigen, die blieben, zu Begründern der heutigen großen Bevölkerungsgruppen indischer Abstammung wurden (Carter 1996).
Was nun die Fabriken betrifft, so hatten die gewaltigen Investitionen in den Bau der Eisenbahnen im kolonialen Indien nicht dieselben wirtschaftlichen Folgen wie in unabhängigen Ländern: Nicht nur die Lokomotiven, sondern auch Brückenträger und Schienen, sogar Eisenbahnschwellen, Nieten und Schrauben wurden aus Großbritannien eingeführt. Deshalb hatte, so ist argumentiert worden, der indische Eisenbahnbau zwar Industrialisierungseffekte in Großbritannien, nicht aber in Indien. Die Textilindustrie blieb daher zunächst die einzige und bis Ende der Kolonialherrschaft die beschäftigungsstärkste Fabrikindustrie des Subkontinents. Die erste industrielle Baumwollspinnerei wurde im Jahre 1856 von einem indischen Unternehmer in Bombay gegründet, wo bald weitere Textilfabriken den Betrieb aufnahmen, bis die Industrie dann in den 1870ern massiv expandierte. Bis in die letzte Dekade des 19. Jahrhunderts blieb die Baumwollindustrie vollständig in der westindischen Kolonialmetropole konzentriert, danach breitete sie sich auf weitere Städte der Region, insbesondere nach Ahmedabad aus, um später auch in Nord- und Südindien (z.B. in Kanpur und Coimbatore) ansässig zu werden. Schon vor Beginn des Ersten Weltkrieges arbeiteten 260.000 Beschäftigte in 271 Fabriken der Baumwollverarbeitung.
Der zweite wichtige Zweig der großbetrieblichen Textilfabrikation, die Juteindustrie, entstand zeitgleich mit der Baumwollindustrie, unterschied sich von dieser jedoch in wesentlichen Aspekten. Vor allem waren die Fabriken, die aus bengalischer Jute grobe Verpackungstuche produzierten, bis zum Ersten Weltkrieg vollständig im Besitz britischer Anteilseigner, und das Management wurde von wenigen schottischen »agency houses« ausgeübt, die in engster Beziehung zur Kolonialadministration standen, was sich besonders auch in Fragen der Arbeitsgesetzgebung auszahlte. Hierzu trug auch die geographische Lage bei: Geographisch war die Juteindustrie zu über 95 Prozent am Hugli-Strom in industriellen Vororten Kalkuttas konzentriert, das bis 1912 Sitz der Kolonialregierung war. Die Jutefabriken beschäftigten während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durchgängig mehr als 200.000, in den 1920ern sogar über 300.000 Menschen (Chakrabarty 1989; Ghosh 2000).
Zum Abschluss dieses kurzen Überblicks über die Beschäftigungseffekte kolonialkapitalistischer Wirtschaftsentwicklung muss noch knapp auf den Bergbau eingegangen werden, der bemerkenswert spät größere Dimensionen erlangte, denn erst im Jahre 1894 wurden die riesigen Steinkohlevorkommen des Jharia-Reviers im östlichen Indien infrastrukturell erschlossen. Bis dahin war die für den Betrieb der indischen Eisenbahnen erforderliche Steinkohle großteils aus Großbritannien und Südafrika importiert worden. Rund die Hälfte der Viertelmillion indischer Bergleute arbeitete im Jahre 1930 im Jharia-Revier und Zehntausende in weiteren Kohlebergwerken. Auch die Kohleindustrie war britisch dominiert, obwohl indische Unternehmer nicht gänzlich ausgeschlossen waren. Die Managementstrategien dieser Branche beruhten auf einer Kombination minimaler technologischer Ausstattung und Sicherheitsstandards mit gering entlohnter und oft saisonaler Arbeit. Kohlebergarbeit wurde oft im Familienverband, also gemeinsam von Frauen und Männern verrichtet, die meist einen kleinbäuerlichen Hintergrund hatten (Simeon 1995). Ganz anders funktionierte der zeitgleich entstehende, mit durchschnittlich 20.000 Beschäftigten sehr viel kleinere, aber in den südindischen Kolar Gold Fields konzentrierte Goldbergbau. Dieser wurde von einer britischen Bergbaugesellschaft auf hohem technologischen Niveau mit regulär beschäftigten, fast ausschließlich männlichen Bergleuten betrieben (Nair 1998).
Nachdem wir uns nun aus der Perspektive eines (recht hoch fliegenden) Vogels einen Überblick über die Grundstrukturen der neuen, kolonialkapitalistischen Beschäftigungssektoren verschafft haben, müssen wir nun unsere Aussichtsposition verändern, um die Alltagsdimensionen kolonialer Arbeit, die Arbeits- und Lebensverhältnisse von Berg- und Seeleuten, von Fabrik- und Plantagenarbeitern und ihren jeweiligen Familien betrachten zu können. Glücklicherweise ist in den vergangenen 15 Jahren eine größere Zahl innovativer mikrohistorischer Studien zur Alltagsgeschichte der modernen Arbeit in Südasien publiziert worden, die lebendige Forschungskontroversen ausgelöst und dieses Feld der Sozialgeschichte äußerst fruchtbar gemacht haben. Im Folgenden werden wir uns der südasiatischen Arbeitsgeschichte daher nicht mehr länger chronologisch, sondern anhand dreier ausgewählter, von Historikern besonders intensiv diskutierter Probleme nähern:
1. Wie verhielten sich die Haushalte von Erwerbstätigen zwischen Landwirtschaft und Industrie, oder: Wurden aus Bauern Arbeiter und wenn ja, wie?
2. Inwieweit wurden der Lebensalltag und das Weltbild südasiatischer Industriearbeiter von ihrer Zugehörigkeit zu ethnischen oder religiösen Gemeinschaften und inwieweit von ihrer Erfahrung proletarischer Lebensverhältnisse geprägt?
3. Wie wirkten sich koloniale Bedingungen auf die Regulierung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse südasiatischer Arbeiterhaushalte aus?
Jedes dieser Probleme wird zunächst am Fall der Dampfschifffahrt und der dort beschäftigten Lascars, also der indischen Seeleute, vorgestellt (siehe hierzu jeweils Balachandran 1999 und Ahuja 2002). In der anschließenden Diskussion des Problems wird Gelegenheit gegeben, wichtige Resultate der neueren Arbeitshistoriographie zu weiteren modernen Beschäftigungssektoren Südasiens kennen zu lernen.


Arbeiterhaushalte zwischen Landwirtschaft und Industrie

Waren indische Seeleute »essentially peasants«, im Kern also Bauern, oder waren sie Teil einer neuen sozialen Klasse, der Industriearbeiterschaft? Diese Frage war seit den 1920er-Jahren in Indien höchst umstritten und wurde von Reedern und Kolonialbeamten ganz anders beantwortet als von Sozialreformern und Gewerkschaftern. Die jeweilige Antwort war stark von wirtschaftlichen Interessen geprägt: Wenn die mit dem Kolonialstaat eng verbundenen Reederkartelle ihre Beschäftigten als Bauern charakterisierten, deren Haupteinkunftsquelle die Bewirtschaftung des Familienbesitzes in den Heimatdörfern darstellte und denen Dampfschifffahrt lediglich als ergänzender Zuverdienst galt, so wollten sie damit die Überflüssigkeit von regulären Arbeitsverhältnissen, von subsistenzsichernden, also zum Unterhalt einer Familie ausreichenden Löhnen sowie von Unfall-, Alters- und anderen Versicherungsleistungen belegen. Der Verweis auf die »wesenhafte Bäuerlichkeit« der Seeleute diente zudem auch der Verweigerung gewerkschaftlicher Rechte, die ihren Beschäftigten nicht angemessen seien und deshalb leicht von »Außenseitern«, etwa von Anwälten und politischen Agitatoren aus der Mittelschicht, missbraucht werden könnten. Umgekehrt betonten Gewerkschafter und liberale Sozialreformer wie N. M. Joshi, die Seeleute seien im Kern Lohnarbeiter und vollständig auf den Verkauf ihrer Arbeitskraft angewiesen. Ihre ungenügende Entlohnung und soziale Absicherung könne nicht von ihren Familien auf dem Lande ausgeglichen werden, führe zu erbärmlichen Lebensumständen, die verbessert und auf dem Wege von Verhandlungen zwischen Staat, Reedern und Gewerkschaften allmählich den geltenden internationalen Standards angeglichen werden müssten.
Beide Darstellungen, die der Reeder und Kolonialadministratoren wie auch die der Sozialreformer, wurden der maritimen Arbeitswelt nicht umfassend gerecht, weil sie jeweils andere Aspekte der Lebenssituation der Seeleute überbetonten. Zweifellos überwogen bei den indischen Seeleuten der britischen Handelsmarine nicht die Angehörigen traditioneller Seefahrergemeinschaften, sondern Männer aus ländlichen Regionen des Binnenlandes. In Kalkutta wurden Heizer aus der ostbengalischen Region Sylhet, in Bombay aus dem Punjab und dem Fürstenstaat Kashmir rekrutiert - in beiden Fällen gehörten die Seeleute meist nicht zu den dörflichen Armen, sondern waren jüngere Söhne von Kleinbauernfamilien, zu denen sie in der Regel Kontakt hielten und zu deren Haushaltseinkommen sie beitrugen. Die Einkünfte aus der Seefahrt konnten für einen kleinbäuerlichen Haushalt von geradezu existenzieller Bedeutung sein: Schulden konnten an den örtlichen Geldverleiher zurückbezahlt und damit das oft von Pfändung bedrohte Familienland gesichert werden; manchmal ermöglichte die Heuer sogar, weiteres Land hinzuzukaufen. Während der Erntesaison oder bei längerer Arbeitslosigkeit kehrten Seeleute nicht selten zur Landarbeit ins Heimatdorf zurück, und bei Krankheit, Arbeitsunfähigkeit oder im Alter wurden Unterhalt und Pflege von ihren Familien gewährleistet. Dies wurde dadurch erleichtert, dass die Lebenshaltungskosten im Dorf wesentlich geringer waren als in Bombay oder Kalkutta. Indem Bauern Seeleute wurden, hörten sie also nicht auf, Mitglieder eines Bauernhaushaltes und Teil bäuerlicher Wirtschaften zu sein. Insofern scheinen also Kolonialadministratoren und Reeder die Verhältnisse der Seeleute durchaus angemessen dargestellt zu haben - allerdings ist dies nur eine Seite der Medaille.
Die andere Seite zeigt sich unmittelbar darin, dass viele maritime Arbeitskräfte offenbar dauerhaftere Beschäftigungsmöglichkeiten außerhalb ihrer Heimatdörfer suchten als sie finden konnten. Denn bei ihren Familien im Dorf wurden sie von einem hochgeschätzten Beiträger zum Haushaltseinkommen zu einer drückenden materiellen Belastung, sobald die Heuer verbraucht war und tagtäglich deutlich wurde, dass der kleinbäuerliche Besitz nicht allen Haushaltsmitgliedern Beschäftigungsmöglichkeiten und Unterhalt sichern konnte. Die Seeleute saßen sozusagen zwischen den Stühlen: Weder die kleinbäuerliche Familienwirtschaft noch die Lohnarbeit auf britischen Dampfschiffen ernährten für sich genommen »ihren Mann« und schon gar nicht einen ganzen Haushalt. Einerseits gerieten Kleinbauern unter den Bedingungen einer kolonial dominierten und zunehmend kommerzialisierten Landwirtschaft zusehends unter Druck, benötigten verstärkt zusätzliche Einkommensquellen oder verloren wirtschaftliche Unabhängigkeit (und damit verbunden auch gesellschaftlichen Status). Andererseits wuchs die Unterbeschäftigung in der Landwirtschaft erheblich schneller als die neuen Beschäftigungsmöglichkeiten in der durch koloniale Rahmenbedingungen in ihrer Entwicklung behinderten Industrie. Deshalb war das Überangebot an Arbeitskräften in Hafenmetropolen und anderen Städten groß. Entsprechend war das Lohnniveau indischer Seeleute so niedrig und die Beschäftigungszeiten so irregulär, dass davon kein Familieneinkommen bestritten werden konnte. Daher lebten meistens nur die Seeleute, nicht aber ihre Familien in den Hafenstädten. Selbst wenn Bauern Arbeiter werden wollten, konnten sie das also nur in beschränktem Maße. Die Einkünfte aus maritimer Lohnarbeit deckten nicht einmal die Reproduktionskosten für die Arbeitskraft eines einzelnen Seemanns ab. In anderen Worten: Ein Seemann konnte nur unter der Bedingung von seinem Lohn leben, dass die Versorgung während seiner Kindheit, im Krankheits- oder Behinderungsfall und in seinem Alter aus anderen Quellen, nämlich aus denen der bäuerlichen Familienwirtschaft bestritten wurden. Man kann also in gewisser Weise davon sprechen, dass die Löhne in der Dampfschifffahrt von der Landwirtschaft »subventioniert« wurden. Diese gesellschaftliche Zwischenposition, die manchmal als »unvollständige Proletarisierung« charakterisiert worden ist, prägte auch andere moderne Beschäftigungsbereiche im kolonialen Südasien, insbesondere die Arbeitsverhältnisse in der Textilindustrie und im Kohlebergbau. Besonders augenscheinlich wurde der Spagat plebejischer Haushalte zwischen Industrie und Landwirtschaft im unausgeglichenen Geschlechterverhältnis der Bevölkerung in den Industriemetropolen: Im Jahre 1921 kamen etwa in Bombay auf 1000 männliche Einwohner nur 525 Frauen.
Wenn die Strukturen der Kolonialwirtschaft Teile der Erwerbsbevölkerung dazu zwangen, Landwirtschaft mit Industriearbeit zu kombinieren, so eigneten sich die Arbeitenden diese Zwischenposition eigensinnig und nach eigenen Bedürfnissen an, die mit denen der Unternehmer nicht selten kollidierten. Sie machten es sich, um im Bild zu bleiben, zwischen den Stühlen so bequem wie möglich. So eröffnete die Arbeit auf Dampfschiffen oder Industrie etwa für einen Teil der Beschäftigten (und insbesondere für diejenigen, die zu Vormännern aufstiegen) die Möglichkeit, ihren bäuerlichen Grundbesitz zu erweitern, andere vermochten zumindest ihr Fleckchen Land und den damit verbundenen Status in der dörflichen Gemeinschaft abzusichern. Wenn Bauern ihre wirtschaftliche Stellung und soziale Identität als Bauern verteidigen wollten, konnte Industriearbeit also als Mittel zum Zweck dienen. Umgekehrt konnte sich die Verbindung zum Heimatdorf und der Besitz von eigenem Land auch als Ressource in Konflikten mit Unternehmern und bei der Entwicklung eines neuen proletarischen Selbstverständnisses erweisen. So waren Bombayer Textilarbeiter, die über eigenes Land verfügten, während der großen Streiks von 1929, die eine prägende Bedeutung für die dortige Arbeiterkultur hatten, besonders motiviert. Raj Chandavarkar hat dies damit erklärt, dass sie einerseits höhere Löhne für den Erhalt von Land und Status benötigten, während ihr zusätzliches Einkommen aus der Landwirtschaft es ihnen andererseits länger ermöglichte, ohne Streikgeld den Arbeitskampf fortzusetzen (Chandavarkar 1998). Eine weitere Variante der eigensinnigen Aneignung der Zwischenposition zwischen Landwirtschaft und modernen Beschäftigungssektoren ergab sich besonders in der Dampfschifffahrt. Denn Arbeit auf Überseedampfern konnte durch Desertion in ein Sprungbrett zur (auch damals schon kriminalisierten) Emigration nach Großbritannien, in andere europäische Länder oder nach Nordamerika verwandelt werden, um auf den dortigen Arbeitsmärkten besser entlohnte Beschäftigung zu finden und sich »vollständig zu proletarisieren«. Ähnliche Aneignungsprozesse vollzogen sich, wie Marina Carter zeigt, in der Plantagenwirtschaft, wo zumindest ein Teil der nach Afrika, in die Karibik oder andere Gegenden transportierten »Kulis« es vermochte, nach dem Auslaufen ihrer »indenture«-Kontrakte aus dieser Form kapitalistischer Agrarindustrie auszuscheiden und sich statt dessen als Händler, jedoch auch als landbesitzende Kleinbauern zu etablieren (Carter 1996). In diesem Falle wurden also Arbeiter zu Bauern. Proletarisierungsprozesse verliefen im neuzeitlichen Südasien also äußerst widersprüchlich und waren zumindest teilweise umkehrbar. Zudem wäre es verfehlt, in den Kategorien »Arbeiter« und »Bauer« mehr zu sehen als begriffliche Hilfsmittel gesellschaftshistorischer Untersuchung. In der kolonial-neuzeitlichen Arbeitswelt Südasiens waren erwerbstätige Familien häufig zugleich in unterschiedlichste wirtschaftliche Aktivitäten involviert und eine eindeutige Unterteilung in »Arbeiter-« oder »Bauernhaushalte« ist oft weder möglich noch der Lebenswirklichkeit angemessen.


Arbeiterkultur zwischen Gemeinschaft und Klasse

Wenn die neue Industriearbeiterschaft also in wirtschaftlicher Hinsicht keine völlig von der Kleinbauernschaft isolierte Klasse darstellte, so galt dies auch für ihre Lebensweise - für ihre Vorstellungswelt und ihre alltägliche soziale und kulturelle Praxis. Industriehistoriker der 1960er-Jahre wie M. D. Morris hatten sich »Arbeit« als einen beliebig formbaren Rohstoff vorgestellt (Morris 1965), aber neuere Studien verdeutlichen, dass Fabrikanten, Bergwerksgesellschaften, Pflanzer und Reeder sich »ihre Arbeiter« nicht einfach als kulturell unspezifischen Homo oeconomicus »herstellen« konnten, sondern aus einer bestehenden, nichtindustriellen Gesellschaft gewinnen mussten (siehe z.B.: Joshi 1982 und 1985). Denn »Arbeit« war zuerst nichts anderes als eine Lebensäußerung von Menschen, die, schon bevor sie zu Arbeitern wurden, in vielfältige soziale und kulturelle Zusammenhänge eingebunden waren und in diesen ihr Leben gestalteten. Die erweiterte Familie, die Kaste (Jati), die dörfliche Gemeinschaft, die Sprachgruppe und die Religionsgemeinschaft waren die wichtigsten dieser sozialen und kulturellen Zusammenhänge. Alle von ihnen waren lange vor den Anfängen der neuzeitlichen Arbeitswelt entstanden. Und diese alten sozialen und kulturellen Bindungen verloren ihre lebenspraktische Bedeutung nicht einfach dadurch, dass Menschen in Fabriken oder modernen Bergwerken, auf Plantagen, Lokomotiven oder Dampfschiffen zu arbeiten begannen. Ganz im Gegenteil, wer sich mit südasiatischer Arbeitsgeschichte beschäftigt, stößt immer wieder darauf, dass Verwandtschaftsbeziehungen darüber entschieden, wer Zugang zu industriellen Erwerbsquellen erlangte oder von ihnen ausgeschlossen wurde, dass dörfliche Autoritätsstrukturen für die Kontrolle von Fabrikarbeitern genutzt und Kastenvereinigungen in neu entstehenden Industriebezirken zu wichtigen Formen gesellschaftlicher Selbstorganisation wurden und dass sich in Arbeiterstadtteilen periodisch gewaltsame Zusammenstöße zwischen Angehörigen verschiedener Religionsgemeinschaften ereigneten.
Wenn wir uns diese Erscheinungen an einem konkreten Fall verdeutlichen wollen, dann bietet sich erneut die moderne Dampfschifffahrt an. So war in den Abteilungen einer Schiffscrew, die an Deck, im Maschinenraum oder dem Küchen- und Passagierbereich arbeiteten, oft eine erstaunliche regionale und kulturelle Homogenität zu beobachten: Die Beschäftigten jeder dieser Teilbelegschaften stammte häufig aus einem oder mehreren benachbarten Dörfern, nicht wenige von ihnen waren enger oder weitläufiger miteinander verwandt, und gewöhnlich gehörten sie ein und derselben Kaste und Religionsgemeinschaft an. In Bombay entstammtem die Matrosen an Deck entweder muslimischen oder hinduistischen Gemeinschaften von der indischen Westküste, die Heizer waren oft Muslime aus dem Punjab und die Stewards fast sämtlich Katholiken aus Goa. Wie kam das zustande? Ein ehemaliger Seemann aus Sylhet, dem ostbengalischen Rekrutierungsgebiet Kalkuttas für Heizer, formulierte es in den 1980ern bestechend einfach: »Die Sylhetis sind auf den Schiffen, weil diese Leute einander folgen.« (Adams 1994:128). Wer auf ein Schiff wollte, suchte sich entsprechend zunächst einen »Serang«, also einen Vormann, aus seinem oder einem benachbarten Dorf, dem er »folgen« konnte. Diese Vorleute, in anderen Branchen als »Sardars«, »Mukaddams« oder »Mestris« bezeichnet, waren in den meisten industriellen Beschäftigungssektoren mit der Auswahl und Beaufsichtigung der Arbeitskräfte betraut. Der Vormann nahm nicht jeden; er verlangte einen Anteil an der Heuer seiner Untergebenen und bevorzugte Verwandte und Nachbarn, die aufgrund dörflicher Kontrollmechanismen leichter diszipliniert werden konnten als Unbekannte, die im Streitfall leichter aufbegehrten oder einfach mit ihrem Vorschuss oder einem offenen Kredit spurlos verschwinden konnten. Wer nicht schon im Dorf mittels eines Vormannes den Zugang zur industriellen Arbeitswelt fand, musste sich selbst in die großen Rekrutierungshäfen, nach Bombay oder Kalkutta, begeben. Aber auch hier waren die Arbeitssuchenden auf Familien- und Dorfkontakte angewiesen. Meistens stürzten sie sich nicht einfach in den Moloch Großstadt, sondern wussten, wo sie Verwandte oder Landsleute finden konnten, die ihnen fürs erste freie Kost und Logis geben, ein wenig Kredit und einen Gelegenheitsjob für den Übergang verschaffen und den Kontakt zu einem »Serang« herstellen würden. Zumindest gab es aber einen Wohnheimbesitzer, der aus der Nähe des Heimatdorfes stammte und seine Dienste in Aussicht auf eine ziemlich hohe Vergütung leistete. Diese war an ihn zu zahlen, sobald der Seemann ein Schiff gefunden und seine erste Heuer erhalten hatte. Solche auf dörflichen Strukturen beruhenden Netzwerke etablierten sich in allen Industriestädten und brachten dort auch neuartige, kooperative Organisationsformen hervor. So richteten die Katholiken jeweils eines oder mehrerer benachbarter goanischer Dörfer schon seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Wohnheime in Bombay ein, die aus Mitgliedsbeiträgen finanziert und genossenschaftlich verwaltet wurden. Im frühen 20. Jahrhundert existierten rund 300 solcher so genannter »Kurs«, die arbeitssuchenden Köchen und Stewards Essen und Unterkunft, günstige Kredite, Versicherungsschutz etwa bei Arbeitsunfällen, kulturelle Zerstreuung sowie oft auch eine Kapelle für den Gottesdienst boten. Aus diesen »Seemannsclubs« entwickelten sich nach der Jahrhundertwende die ersten Seeleutegewerkschaften. Anderswo, etwa in der Bombayer Textilindustrie, gründeten Kastenvereinigungen ähnliche Einrichtungen (Chandavarkar 1998).
Solche auf vorneuzeitlichen, vorkapitalistischen Gemeinschaftsstrukturen beruhenden Netzwerke waren aber nicht nur ein Mittel der Eingliederung in den industriellen Arbeitsmarkt, sondern auch ein Instrument der Ausgrenzung von Konkurrenten um die geringe Zahl industrieller Arbeitsplätze. Anders formuliert: Ethnisch definierte »Seilschaften« hatten nicht nur den Zweck, der »eigenen« Gemeinschaft Zugang zu neuen Verdienstquellen zu eröffnen, sondern auch das Ziel, die Chancen dauerhafter Beschäftigung dadurch zu verbessern, dass »anderen«, »fremden« Gemeinschaften der Zugang zu einem Beschäftigungssektor, zu einem Beruf, zu einem Betrieb oder einer Abteilung versperrt wurde. Zu den Bombayer »Kurs« hatten nur Katholiken aus Goa Zugang, und dasselbe galt für die ersten, gewerkschaftsähnlichen Seemannsvereinigungen. In den Baumwollfabriken im benachbarten Girangaon oder in Kanpur versuchten Hindus aus mittleren und höheren Kasten die Beschäftigung von Muslimen und so genannten »Unberührbaren« in den Webabteilungen zu verhindern. Industrielle aktivierten solche Konfliktlinien bisweilen für ihre eigenen Zwecke, so etwa Bombays Textilfabrikanten im Jahre 1929, die gezielt Muslime als Streikbrecher in Betrieben einsetzten, in denen vor allem Hindus, Angehörige des Kastenkonglomerats der »Marathas«, in den Webabteilungen beschäftigt waren. Bald darauf brachen Unruhen zwischen Hindus und Muslimen im Industriebezirk aus - die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt führte neben weiteren »modernen« Faktoren zu einer scharfen, konfliktgeladenen Abgrenzung innerhalb der Arbeiterschaft und der städtischen Bevölkerung insgesamt (Chandavarkar 1998). Mehr als ein halbes Jahrhundert nach Ende der britischen Kolonialherrschaft hat sich dies nicht grundlegend geändert, wie die wiederkehrenden schweren Hindu-Muslim-Unruhen in nunmehr oft weitgehend de-industrialisierten ehemaligen Textilzentren wie Bombay, Kanpur und erst kürzlich wieder in Ahmedabad grausig vergegenwärtigen.
Woraus erklärt sich nun aber die außerordentliche Haltbarkeit jener vorkapitalistischen Gemeinschaftsbande indischer Industriearbeiter an die Institutionen des Dorfes, der Kaste und der Religionsgemeinschaft? Diese Frage wird von Arbeitshistorikern Südasiens sehr unterschiedlich beantwortet und hat eine fruchtbare Forschungskontroverse ausgelöst. In einer vielbeachteten Studie über die Jutearbeiter Kalkuttas hat Dipesh Chakrabarty argumentiert, dass die Industriearbeiter Südasiens in ihrer besonderen, im Unterschied zu Europa stark hierarchisch geprägten »vorkapitalistischen Kultur« gefangen geblieben, dass ihre »ursprünglichen Identitäten« (also die Zugehörigkeit zu einer Dorfgemeinschaft, Kaste oder Religion) der industriellen Arbeitswelt einen grundsätzlich anderen Charakter eingeprägt hätten als im »egalitären Westen«. Dadurch sei das Entstehen einer neuartigen Identität (durch Zugehörigkeit zur Arbeiterschaft) verhindert worden. So hätten Jutearbeiter dörflichen Ursprungs vertragliche Formen von Arbeitsverhältnissen (ebenso wie moderne Maschinerie) schlicht nicht verstehen können (Chakrabarty 1989). Kritiker haben zu Recht darauf verwiesen, dass die Kategorie der Erfahrung, der praktischen Aneignung der Realität, in diesem Analyserahmen völlig fehlt: Sicher, die Arbeitsleute waren aus entfernten Dörfern nach Kalkutta abgewandert und brachten zweifellos vorkapitalistische ethische und kulturelle Standards mit. Fabrikarbeit und das Leben in Fabriksiedlungen verschafften ihnen jedoch neue Erfahrungen, die Gemeinschaftsbindungen und andere Formen kultureller Praxis transformierten (siehe v.a.: Ghosh 2000).
Verschiedene neuere Studien haben solche Transformationsprozesse sichtbar gemacht. Samita Sen hat ebenfalls für die Jutearbeiter Kalkuttas gezeigt, wie der Inbegriff kultureller Stabilität, die Familienstruktur, im weiteren kolonialen Kontext und durch die konkrete Erfahrung der Industriearbeit umgewandelt wurde, wie insbesondere der Wert weiblicher Arbeitskraft gesenkt wurde und in den Arbeiterstadtteilen neuartige, zeitlich befristete Lebensgemeinschaften zwischen Männern und Frauen entstanden (Sen 1999).
Leela Fernandes hat herausgearbeitet, wie ein traditionelles religiöses Fest, der Vishvakarma Puja, bei dem jährlich in vielen Regionen Indiens die Werkzeuge verehrt werden, in den Jutefabriken Kalkuttas einen neuen Charakter erhielt. Denn bei den dortigen Feierlichkeiten, die in den Betrieben stattfinden, bestehen die Jutearbeiter auf dem Ausschluss von Geschäftsleitungen und Aufsichtspersonal, die somit keineswegs als Teil einer gemeinsamen Religionsgemeinschaft, sondern als soziale Gruppen mit entgegengesetzten Interessen identifiziert werden. Damit konstituieren sich die Jutearbeiter während der Zeremonien symbolisch als autonome soziale Gruppe mit gewissen eigenständigen Rechten auf die Produktionsanlagen. Zweifellos handelt es sich hier um eine kreative Anpassung einer überlieferten kulturellen Ausdrucksform an die Verhältnisse industrieller Lohnarbeit (Fernandes 1998).
Die interessanteste Untersuchung zur Umformung einer alten kulturellen Institution in einem veränderten, industriellen Kontext ist aber vielleicht Janaki Nairs Studie über die Arbeiterkultur in den südindischen Kolar Gold Fields. Dort waren seit Ende des 19. Jahrhunderts bis zu 35.000 Bergleute beschäftigt. Im Unterschied zu Industriearbeitern anderer Branchen hatten diese meist keinen kleinbäuerlichen Hintergrund, sondern entstammten Kastengemeinschaften »unberührbarer« Landarbeiter ohne eigenen Grund (v. a. den tamilischen »Paraiyars«). Diese Bergleute hatten nicht nur keine Mühe, ihre veränderte soziale Stellung als Lohnarbeiter zu verstehen, sondern idealisierten sie sogar in ihren Liedern und Erzählungen als eine Befreiung von den Erniedrigungen des Dorflebens - und dies trotz der katastrophalen Häufigkeit schwerer Arbeitsunfälle und ihrer Unterwerfung unter ein demütigendes Überwachungsregime durch die Minengesellschaften. Gleichzeitig wurde ihr Bewusstsein, einer diskriminierten Kaste anzugehören, durch die neu errungene Klassenidentität nicht ersetzt, sondern eher modifiziert. Waren sie früher in jedem Dorf eine Minderheit gewesen, stellten sie nun die überwältigende Bevölkerungsmehrheit einer urbanen Siedlungskonzentration dar, woraus sich neue Solidarisierungsmöglichkeiten ergaben. Sie wollten nicht mehr mit dem verhassten Namen »Paraiyar«, sondern als »Adidravidas«, also als Ureinwohner Südindiens bezeichnet werden; Kleidertabus wurden stolz gebrochen; der mit ritueller Unreinheit belegte Konsum von Rindfleisch positiv umgewertet; viele von ihnen konvertierten zum Buddhismus, um aus der Hindu-Kastenordnung auszusteigen. Ihre Niedrigkastigkeit blieb also ein wesentlicher Bezugspunkt für die kulturelle, politische und religiöse Praxis der Kolar-Bergleute, und weder Nationalisten noch Kommunisten konnten eine dauerhafte politische Vormachtstellung in den Bergwerkscamps etablieren, weil beide politischen Strömungen es nicht vermochten, diese Problematik überzeugend zu thematisieren (Nair 1998).
Ältere Gemeinschafts- und Glaubensbindungen wurden, so könnte man den Ertrag der neuen südasiatischen Kulturgeschichte der Arbeit zusammenfassen, durch Prozesse der Klassenbildung in der neuzeitlichen Gesellschaft nicht unbedingt und vornehmlich aufgelöst, sondern vor allem in einen neuen, kapitalistischen Kontext gestellt, diesem angepasst und umgeformt. Die Erfahrung moderner Lohnarbeitsverhältnisse ließ also Verwandtschaftsbeziehungen, Kastenbindungen, dörfliche Autoritätsstrukturen und gemeinschaftliche Religiosität weniger verblassen als in einem neuen Licht erscheinen.


Die Regulierung der südasiatischen Arbeitswelt

Die Arbeitswelt Südasiens hat nicht nur eine wirtschaftliche und kulturell-gesellschaftliche, sondern auch eine politische Geschichte, die (je nach Region) ein bis zwei Jahrhunderte lang von britischer Kolonialherrschaft geprägt war. Koloniale Bedingungen erschwerten etwa die Herausbildung einer gewerkschaftlichen und politischen Arbeiterbewegung: Politische Freiheiten und Partizipationsmöglichkeiten waren für Lohnabhängige, die sich in Indien einem (zunächst) weitgehend homogenen Block weißer Kolonialbeamter und Industrieller gegenübersahen, noch eingeschränkter als im zeitgenössischen Europa, so dass Gewerkschaften ab dem frühen 20. Jahrhundert nur mit Mühe Fuß fassen konnten und oft eine geringe Stabilität besaßen. Ihre Führer entstammten zunächst nur in seltenen Fällen der Arbeiterschaft. Häufig waren sie Rechtsanwälte auf der Suche nach lohnenden Betätigungsfeldern, liberale Sozialreformer, nationalistische Lokalpolitiker mit Bedarf nach einer Hausmacht oder junge Intellektuelle, die einen theoretischen Zugang zum Sozialismus gefunden hatten. Die meisten von ihnen entstammten hochkastigen Bildungsschichten, was schon allein aus sprachlichen Gründen erforderlich war, wenn sie in der Lage sein sollten, mit britischen Verwaltungen und Gerichten über die Lebensbedingungen der Arbeiterschaft zu verhandeln. In älteren Studien zur Geschichte der indischen Arbeiterbewegung standen diese Führer oft stark im Vordergrund, während neuere Untersuchungen (genannt sei hier stellvertretend eine Monographie zum ostindischen Kohle- und Stahlrevier: Simeon 1995) stärker die politischen Vorstellungen und Interventionen der Arbeiter selbst beleuchten und damit das Bild einer Masse, die ihren Führern unkritisch und willenlos folgt, in Frage stellen. Derartige Studien sind nicht nur für die Arbeitsgeschichte von Bedeutung - sie können unser Verständnis der politischen Aufbruchsjahrzehnte des frühen 20. Jahrhunderts, in denen breitere soziale Schichten Einfluss auf das politische Geschehen nahmen und ein Ende der Kolonialherrschaft greifbar wurde, wesentlich bereichern.
Abschließend soll noch ein weiteres, derzeit recht aktuelles Feld der politischen Arbeitsgeschichte Erwähnung finden: das Problem der Regulierung von Arbeitsverhältnissen. 92 Prozent der indischen Erwerbsbevölkerung arbeiten heute im so genannten »informellen Sektor« - sind also in Beschäftigungsverhältnisse eingebunden, die nicht von Arbeitsgesetzen reguliert werden. Die gegenwärtige indische Regierung hat den Geltungsbereich des Arbeitsrechtes sogar mit der Begründung weiter reduziert, dass eine »Deregulierung« des Arbeitsmarktes zur Schaffung weiterer Beschäftigungsmöglichkeiten führen werde. Ob diese Prognose empirischer Überprüfung standhält, ist umstritten, aber hierüber werden Historiker erst in einigen Jahren Bilanz ziehen können. Schon heute lassen sich aber die Ursprünge der Aufteilung der indischen Arbeitswelt in einen »formellen« und »informellen« Sektor historisch erkunden - Ursprünge, die weit zurück in der kolonialen Geschichte des Landes liegen. Prabhu Mohapatra hat jüngst daran erinnert, dass die Rede von »deregulierten« Arbeitsverhältnissen irreführend ist: Wenn »informelle« Arbeitsverhältnisse nicht durch Arbeitsrecht, also nicht öffentlich geregelt sind, bedeutet das nicht, dass sie unreguliert sind. Tatsächlich lässt sich die »Informalisierung« von Beschäftigungsverhältnissen, also die Reduzierung des Geltungsbereichs des Arbeitsrechts, am besten als eine Privatisierung der Regulierung begreifen (Mohapatra 2002). Die Umsetzung von Arbeitsverträgen, die Festsetzung von Arbeitszeiten, -bedingungen und Vergütungen werden im »informellen« Sektor nicht von staatlichen, sondern von privaten Institutionen reguliert: Nicht von Gerichten und Arbeitsverwaltungen, sondern etwa von betrieblichen Bürokratien oder von Subunternehmern. Diese nicht-öffentlichen oder privaten Instanzen bezogen und beziehen ihre Autorität teilweise aus nichtstaatlichen Quellen (etwa, wie wir im Fall der Serangs oder Vorleute bereits sahen, aus Familien- oder Nachbarschaftsbanden). Oft wurde ihre Autorität aber bereits zu Zeiten der britischen Kolonialherrschaft auch aus staatlichen Ressourcen gespeist, etwa dadurch, dass ihre Beschäftigten durch Schuldverpflichtungen oder Vorschüsse gebunden waren, deren Einhaltung bzw. Rückzahlung mit staatlicher Hilfe, nämlich vor Gericht, durchgesetzt werden konnte.
Gesetzgeberische Maßnahmen zur Sanktionierung privater, nicht-öffentlicher Regulierung von Arbeitsverhältnissen lassen sich bereits für das späte 18. und frühe 19. Jahrhundert nachweisen. Schon damals wurden in den Kolonialmetropolen Kalkutta und Madras Polizeiverordnungen erlassen, die den Vertragsbruch von Dienstboten und anderen abhängig Beschäftigten unter Strafe stellten (Ahuja 1999). Diese Verordnungen wie auch spätere Gesetze beruhten auf dem britischen »Master and Servant Law«. Dieses »Gesinderecht« schrieb die Ungleichheit von Dienstherr und Bedienstetem auch juristisch fest, indem Vertragsbruch seitens des Ersteren als Zivilvergehen, seitens des Letzteren aber als Kriminaldelikt definiert wurde, der mit Gefängnis- oder Körperstrafen geahndet werden konnte. Unter den kolonialen Bedingungen Indiens fielen diese Strafen drakonischer aus als in Großbritannien, wo das »Master and Servant Law« auch sehr viel früher, nämlich im Jahre 1875 abgeschafft wurde. In Indien wurde der »Workmen's Breach of Contract Act« von 1859 erst 1926 außer Kraft gesetzt und wurde während seiner langen Geltungsdauer zur Grundlage diverser Sondergesetze für einzelne Branchen, so etwa für die Teeplantagen in Assam. Dort wurde sogar die Umsetzung des Gesetzes auf die Pflanzer übertragen, die damit den Plantagenkulis nicht nur als Unternehmer, sondern auch als Richter mit Strafkompetenzen gegenübertraten (Behal/Mohapatra 1992).
So bereitwillig die britischen Kolonialregierungen rechtliche Voraussetzungen für eine nicht-öffentliche, »private« Regulierung von Beschäftigungsverhältnissen schufen, so sehr waren sie gesetzgeberischen Maßnahmen abgeneigt, die wir als »Arbeitsrecht« im engeren Sinne verstehen würden, die also das Verhältnis von Unternehmer und Beschäftigten, deren jeweilige Rechte, die Arbeitsbedingungen und den Arbeitsprozess direkt regelten. Das erste Gesetz dieser Art, der Indian Factory Act von 1881, wurde auf Druck der Industriebarone in Manchester, die billige indische Konkurrenz ausschalten wollten, eingeführt, und wenig später wurden auch die Arbeitsverhältnisse in Bergwerken zum Gegenstand staatlicher Regulierung. Diese frühen Regulationsmaßnahmen beschäftigten sich vor allem mit Frauen- und Kinderarbeit sowie mit der Regelung von Arbeitszeiten. Ihre Wirksamkeit war jedoch gering: In Indien waren sich britische Industrielle und Nationalisten in ihrer Ablehnung jeglicher Schutzmaßnahmen einig; die Kolonialregierung erließ Bestimmungen nur widerstrebend aufgrund des Drucks aus London, ergriff aber keine effektiven Maßnahmen zur Durchsetzung der Gesetze und zur Kontrolle ihrer Einhaltung. Der Verzicht auf eine wirksame öffentliche Regulierung von Arbeitsverhältnissen öffnete in Kombination mit der rechtlich sanktionierten Ahndung von Vertragsbrüchen seitens der Beschäftigten einen großen Spielraum für die Unternehmen. Denn diese konnten somit Arbeitsverhältnisse nicht-öffentlich und weitgehend nach eigenem Bedarf regulieren. Wiederum sind die indischen Seeleute ein gutes Fallbeispiel. Ihre besonderen Arbeitsverträge, die so genannten »Asiatic Articles«, machten es ihnen unmöglich, das Beschäftigungsverhältnis vor Ablauf der 12- bis 18-monatigen Vertragsfrist zu kündigen. Zudem gelang es den Reedern bis in die 1930er-Jahre hinein, eine gesetzliche Regelung der Arbeitszeiten auf den Dampfschiffen zu verhindern und durchzusetzen, dass die Crew sich grundsätzlich ständig zur Verfügung halten musste, wenn sie sich nicht des Vergehens des Vertragsbruchs schuldig machen und vom Kapitän bestraft werden wollte. Im Ergebnis hatten die Schiffsoffiziere eine deutlich uneingeschränktere Verfügungsgewalt über indische als über europäische Seeleute, solange sich diese an Bord befanden.
Nach dem Ersten Weltkrieg verstärkten sich unter dem Eindruck der Oktoberrevolution und des Aufschwungs auch der indischen Arbeiterbewegung die Anstrengungen auf dem Gebiet der Arbeitsgesetzgebung und -verwaltung, obwohl in kolonialen Kreisen nach wie vor ein Konsens über die Untauglichkeit solcher Regulierungsmaßnahmen im indischen Kontext bestand. Weiterhin wurde gegen die »wilde Extravaganz der Sozialgesetzgebung« polemisiert, die von der 1919 gegründeten International Labor Organization (ILO) und Teilen der britischen Öffentlichkeit propagiert wurde. Insgesamt blieb die Privilegierung »nicht-öffentlicher« Formen der Regulierung der südasiatischen Arbeitswelt gegenüber »öffentlichen« bis Ende der Kolonialperiode bestehen. Wenn unmittelbar nach der indischen Unabhängigkeit zumindest für einen kleinen Teil der abhängig Beschäftigten Kündigungsschutz und andere soziale Rechtsansprüche gesetzlich festgeschrieben bzw. erheblich ausgebaut wurden, so sind die indischen Regierungen seit den 1980ern wieder zur »Informalisierung« von Beschäftigungsverhältnissen bzw. zur »Privatisierung« ihrer Regulierung zurückgekehrt. Durch die tiefgreifenden Wandlungsprozesse, welche die indische Gesellschaft derzeit erfährt, ziehen sich immer noch historische Kontinuitätslinien, die in der Periode des Kolonialkapitalismus ihren Anfang nahmen. Die neuzeitliche Epoche der Arbeitsgeschichte ist also noch in vollem Gange.

 

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Quelle: Weltregionen 5 - Südasien in der «Neuzeit». Herausgegeben von Karin Preisendanz und Dietmar Rothermund. Wien: Promedia 2003.
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