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Vorwort: Südostasien

Quelle: Weltregionen 6 - Südostasien. Gesellschaften, Räume und Entwicklung im 20. Jahrhundert. Herausgegeben von Peter Feldbauer, Karl Husa und Rüdiger Korff . Wien: Promedia 2003.


Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Begriff "Südostasien" sowohl in den einschlägigen Wissenschaften als auch in der politischen und historischen Diktion weitgehend unbekannt. Erst in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts machte im deutschen Sprachraum der Ethnologe und Prähistoriker Robert Heine-Geldern (1923) auf zahlreiche ethnische, kulturelle und linguistische Gemeinsamkeiten der Völker dieses Raumes aufmerksam, und im gleichen Jahr führte der Geograph Karl Haushofer den Regionsbegriff Südostasien auch im politisch-geographischen Sinne ein, während im historischen Sprachgebrauch die Region lange Zeit eher als Übergangszone zwischen Indien und China denn als eigenständige Region gesehen wurde. Im anglo-amerikanischen Raum konnte sich der Begriff Südostasien gar erst in den 40er-Jahren durch die Einrichtung eines gemeinsamen militärischen Oberkommandos ("Allied Supreme Command for Southeast Asia") etablieren: als Bezeichnung für jene größtenteils von den Japanern besetzten Gebiete (Französisch-Indochina, Britisch Burma und Malaya sowie Thailand auf dem asiatischen Festland, die Philippinen und Niederländisch-Indien in der südlich davon gelegenen Inselwelt), die von den alliierten Streitkräften während des Zweiten Weltkrieges von den Japanern rückerobert werden sollten.
Spätestens seit Mitte der 80er-Jahre allerdings, als das so genannte "asiatische Wirtschaftswunder" sowohl in den Massenmedien als auch in der entwicklungspolitischen Diskussion besondere Aufmerksamkeit erregte, erreichte Südostasien als eigenständige Region zunehmend Bekanntheit. Tatsache ist, dass aus den weitgehend rückständigen und überwiegend agrarisch ausgerichteten Staaten Südostasiens, die noch vor wenigen Jahrzehnten in der internationalen Presse mehr als regionale und überregionale politische Krisen- und Konfliktherde Schlagzeilen gemacht hatten als durch wirtschaftliche Erfolgsmeldungen, ein nicht mehr zu übersehender global economic player geworden war. Noch Anfang der 90er-Jahre galt die Region - berechtigterweise - als Boomzentrum der Weltwirtschaft und das rapide Wirtschaftswachstum wurde zu einem Faktor zunehmenden Selbstbewusstseins der Politiker - vor allem in Malaysia, wo sich Premierminister Mahathir Mohamad vor dem Hintergrund der erfolgreich ablaufenden Modernisierung seines Landes als Sprecher der postkolonialen Welt etablieren konnte und auch in Singapur, wo der als "Father of Modern Singapore" bezeichnete Langzeit-Premierminister Lee Kuan Yew eine ähnliche Rolle einnahm. Dieses neu erwachte Selbstbewusstsein in der Region blieb auch in der Diskussion über die Ursachen des "südostasiatischen Wirtschaftswunders" nicht ohne Folgen: Manche Kommentatoren der internationalen Wirtschaftspresse sahen die Gründe des Erfolgs großteils als Ergebnis der vielzitierten asian values und der spezifischen asiatischen Wirtschaftspraktiken, also im Zusammenhang mit dem asiatischen Bildungssystem, mit Respekt und Gehorsam gegenüber Autoritäten und strengen hierarchischen Strukturen bei gleichzeitiger Teamwork-Fähigkeit und dem Wunsch nach Kooperation, mit der Bedeutung familiärer Bindungen und dem "neokonfuzianistischen Harmoniedenken" (im Gegensatz zu "westlichem" Individualismus) etc. Andere Experten wiederum betonten die zentrale Bedeutung so genannter "harter", vorwiegend externer ökonomischer Faktoren für das asian miracle, wie etwa ausländische Direktinvestitionen und Technologietransfer durch Exportindustrialisierung bei Ausnützung billig(st)er heimischer Arbeitskraft und dadurch bedingte internationale Wettbewerbsvorteile.
Die 1997 einsetzende Asien-Krise, die zu massiven Einbrüchen vor allem in Thailand und Indonesien führte, machte deutlich, dass die Konjunkturregeln der Weltwirtschaft auch für Südostasien gelten und jede Party einmal ein Ende hat. Die Etiketten und Assoziationen, mit denen diese Länder nach dem Zusammenbruch des asiatischen Wirtschaftswunders in den internationalen und nationalen Medien belegt wurden, bestanden nicht mehr aus Superlativen, sondern lauteten nunmehr ganz anders: bubble economies, hot money, Vetternwirtschaft und Korruption, Spekulationen und exzessive Investitionen in Risikobereiche wie den Immobilienmarkt und in die Börse, finanzielle Liberalisierung und freizügige Kreditvergabe durch den Bankensektor ohne notwendige Rückversicherungen und Kontrollmechanismen und dergleichen mehr.
Die Auswirkungen der Krise und der vom Internationalen Währungsfonds (IWF) verordneten strikten Sparpakete wurden sehr bald auf vielen Ebenen spürbar, von denen nur einige wenige hier beispielhaft erwähnt werden sollen: In den am stärksten betroffenen Ländern wie Thailand und Indonesien stieg die Arbeitslosigkeit drastisch an, die Zunahme der Armut, die bis Mitte der 90er-Jahre eine deutlich rückläufige Tendenz zeigte, wurde wieder ein Thema, aus den Großstadtregionen (vor allem aus Bangkok und aus Jakarta) strömten viele während der Boomzeit zugewanderte Migranten, die durch die Krise ihre Jobs verloren hatten, wieder in ihre meist ländlichen Herkunftsgebiete zurück und belasteten dort zusätzlich die ohnehin schon angespannte Situation auf dem Arbeitsmarkt. Gleichzeitig schmolz der Einbruch der meisten Landeswährungen die während der letzten Dekade akkumulierten Profite des Privatsektors weg, verloren private Kleininvestoren ihre Ersparnisse aus der Boomzeit entweder an den krisengeschüttelten Börsen oder durch Fehlinvestitionen in zusammenbrechende Immobilienmärkte und reagierte die Bevölkerung auf die Krise generell mit einer drastischen Einschränkung des Konsums, wodurch wiederum eine Reihe von Wirtschaftszweigen hart getroffen wurde. Die Krise war aber nicht nur auf die Wirtschaft begrenzt. In Thailand wurde die Regierung abgelöst und eine neue Verfassung durchgesetzt, und in Indonesien führte der wirtschaftliche Niedergang zum Zusammenbruch des Suharto-Regimes. In Malaysia geriet der Premierminister unter massiven Druck, der bis heute anhält. Inzwischen haben sich Wirtschaft und Politik in den marktwirtschaftlich orientierten Staaten der Region wieder einigermaßen erholt. Nur Indonesien schwebt weiterhin am Rande des Chaos.
Betrachtet man die Entwicklung der Region allerdings aus einer längerfristigen Perspektive, so ist es dort tatsächlich mit Ausnahmen gelungen, eine erfolgreiche Modernisierungspolitik durchzuführen. Malaysia und Singapur, die in den 60er-Jahren vor massiven Problemen standen (bewaffnete kommunistische Aufstände, Rassenunruhen, einseitige Wirtschaftsstruktur etc.) oder auch Thailand, dessen Wirtschaft Anfang der 80er-Jahre in eine tiefe, strukturell bedingte Rezession gestürzt war, belegen eindrucksvoll, dass diese Probleme gelöst werden können. Inzwischen ist zum Beispiel Malaysia in einigen afrikanischen Ländern der größte Investor! Aber auch in den (ehemaligen) Planwirtschaften der Indochina-Staaten (besonders in Vietnam, teilweise auch bereits in Laos und Kambodscha) sowie bis zu einem gewissen Grad auch in Myanmar ist seit den 90er-Jahren ein langsamer wirtschaftlicher Aufschwung festzustellen, wenngleich sich auch in diesen Staaten die Asienkrise stark dämpfend auf das Wirtschaftswachstum und den Lebensstandard der Bevölkerung auswirkte.
Fest steht jedenfalls, dass wohl keine Großregion der Dritten Welt in den letzten Jahrzehnten derart dynamische Transformationsprozesse erlebte wie Südostasien. Diese Veränderungen in einem umfassenden historischen, kulturellen, politischen, ökonomischen und soziodemographischen Kontext näher zu beleuchten, ist auch das zentrale Anliegen des vorliegenden Sammelbandes.
Jede Publikation über Südostasien steht zunächst vor dem Problem, das Forschungsobjekt zu bestimmen. Ist Südostasien eine integrierte, eigenständige Region mit einer eigenen Geschichte und Kultur, oder handelt es sich vielmehr um einzelne Staaten, die sehr viel enger mit anderen Räumen wie z.B. China und Indien oder den Niederlanden, Großbritannien oder Frankreich, Spanien oder den USA verbunden sind als mit den Nachbarländern? Südostasien ist ohne Zweifel - auch in der Sicht der Herausgeber und der meisten AutorInnen in diesem Band - höchst heterogen. Nicht nur sind alle Weltreligionen dort vertreten, sondern es finden sich Metropolen und Megastädte neben abgeschiedenen Dörfern und historische Großreiche neben Stammesgesellschaften, hoch entwickelte Staaten wie Singapur oder Schwellenländer wie Malaysia und Thailand neben unterentwickelten Ländern wie zum Beispiel Myanmar, Laos und Kambodscha usw. Seit mehr als tausend Jahren verbindet Südostasien Ostasien auf der einen Seite mit Südasien, Arabien und Europa auf der anderen, westlichen Seite. Entsprechend unterschiedlich geprägt sind auch die Teilregionen. Neben den indianisierten gibt es die islamisierten und sinisierten Staaten. Ist Südostasien deshalb an sich nur eine "geographische" Kategorie, die aber wenig mit sozialen, politischen und wirtschaftlichen oder kulturellen Prozessen zu tun hat?
Eine Möglichkeit, diese Problematik zu umgehen, wäre, auf einzelne Länder- bzw. regionale Fallstudien zurückzugreifen. Nimmt man aber die aktuellen Nationalstaaten der Gegenwart zur Grundlage, steht man vor dem Problem, dass diese Einheiten erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden sind und vorher keine Bedeutung hatten. Tatsächlich ist die Strukturierung entlang der aktuellen Staaten eine Verlängerung der kolonialen Diskurse, denn die Länder sind ja nun einmal die Nachfolger der Kolonien in Grenzen, die aus Kompromissen der europäischen Mächte resultierten und nicht aus Dynamiken in Südostasien selbst. Werden jedoch Regionen statt einzelner Länder als Einheiten gewählt, wird diese Problematik vermieden. Dann geht es darum, die grundlegenden Prozesse und Interdependenzen zu identifizieren, durch die die Großregion Südostasien bzw. ihre Teilregionen als sinnvolle Forschungsobjekte konstituiert werden.
Innerhalb der Großregion Südostasien können drei Teilregionen unterschieden werden:
o Das insulare Südostasien oder die "malayische Welt" (Indonesien, Philippinen, Malaysia, Singapur, Brunei und seit der Unabhängigkeit im Mai 2002 auch Ost-Timor);
o Festland-Südostasien (Thailand, Myanmar, Laos, Kambodscha und Vietnam);
o und schließlich die Bergregionen (Randregionen) an der nordwestlichen Außengrenze Südostasiens zu Bangladesh und den nordostindischen Bundesstaaten (Assam, Nagaland, Tripura, Mizoram und Manipur) bzw. an der nördlichen Außengrenze zu Südchina (Yünnan), d.h. also die Ausläufer des Himalaya in Myanmar, Laos, Vietnam und Thailand.
Auch wenn die genannten Teilregionen jeweils eigene spezifische Charakteristika aufweisen, bedeutet das nicht, dass es sich um isolierte Gebiete handelt. Schon vor der Kolonialzeit bestanden enge Beziehungen zwischen den großen Reichen des Festlandes (Siam, Burma, Vietnam) und den Inseln. Tatsächlich hat der Kolonialismus zusammenhängende Gebiete eher getrennt, wie z.B. entlang der Straße von Malakka. Diese "historischen" Raumstrukturen haben gegenwärtig im Zusammenhang mit den so genannten Wachstumsdrei- und -vierecken wieder an Bedeutung gewonnen (wie etwa im Bereich der Wachstumsregion Riau-Archipel, Penang und Aceh oder des Wachstumsvierecks Yünnan, Myanmar, Thailand und Laos).
Vor diesem Hintergrund geht es im vorliegenden Sammelband darum, Südostasien nicht als Ansammlung von Staaten zu untersuchen, sondern diejenigen Prozesse ins Zentrum zu rücken, die Südostasien als zusammenhängende Region gebildet und geprägt haben. Zu diesen - oft im Zusammenhang mit dem Modewort "Globalisierung" genannten - Prozessen zählen unter anderen:
o Wirtschaftsdynamik durch zunehmende Weltmarktintegration;
o Ausbildung von Mittelschichten, zivilgesellschaftlichen Organisationen und zunehmender Demokratisierungsdruck;
o Bedeutung der Religionen für die Sinnstiftung in Phasen rapiden Wandels und damit verbundene Säkularisierung der Religionen;
o dynamischer Ausbau der Transport- und Kommunikationsinfrastruktur, auch in ehemals peripheren Regionen;
o rapide ablaufende Urbanisierungsprozesse;
o revolutionäre Veränderungen im demographischen Regime, zum Beispiel durch teilweise drastische Reduktion des Bevölkerungswachstums und der Mortalität, ein sprunghafter Anstieg sowohl der Binnenwanderungen als auch der inter- bzw. transnationalen Migration;
o wachsende Sensibilisierung im Hinblick auf ökologische Probleme wie etwa die rasch voranschreitende Entwaldung und ihre Folgewirkungen etc.
Der Fülle der - hier nur kurz und bei weitem nicht vollständig angedeuteten - im Südostasien der letzten Jahrzehnte ablaufenden Transformationsprozesse entsprechend, umspannen die Beiträge des vorliegenden Bandes eine breite Palette von Themen mit unterschiedlichen disziplinären Zugängen, die von historisch-politischen, ökonomischen, gesellschaftlichen und demographischen Entwicklungen in den letzten hundert Jahren bis zu Fragen der ungleichen naturräumlichen Ausstattung und ökologischen Problemen reichen. Notgedrungenermaßen müssen dabei viele Fragen offen bleiben, wichtige Themen fehlen überhaupt oder werden nur kurz gestreift. Trotz aller bestehenden Lücken hoffen die Herausgeber optimistischerweise, dass dieser Band nicht nur als Grundlage für die Ringvorlesung "Südostasien im 20. Jahrhundert" an der Universität Wien Verwendung findet, sondern eventuell auch einem breiteren Interessentenkreis diese faszinierende Großregion näher bringen kann und zur weiteren Befassung mit ihr anregt.

Wien, im März 2003

Die Herausgeber


Quelle: Weltregionen 6 - Südostasien. Gesellschaften, Räume und Entwicklung im 20. Jahrhundert. Herausgegeben von Peter Feldbauer, Karl Husa und Rüdiger Korff . Wien: Promedia 2003.
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