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Südostasien in der Zwischenkriegszeit

Gisela Reiterer

Quelle: Weltregionen 6 - Südostasien. Gesellschaften, Räume und Entwicklung im 20. Jahrhundert. Herausgegeben von Peter Feldbauer, Karl Husa und Rüdiger Korff . Wien: Promedia 2003.

Nicht umsonst wurden die Jahre zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg vom Südostasienwissenschafter Milton Osborne als "[t]he Years of Illusion" bezeichnet (Osborne 1990:115). Zu Beginn der 20er-Jahre schien der Kolonialismus in Südostasien an seinem Höhepunkt angelangt zu sein. Mit Ausnahme Siams, dem heutigen Thailand, das nach erheblichen Souveränitäts- und territorialen Einbußen seine formale Unabhängigkeit verteidigen konnte, befanden sich alle Gebiete der Region in westlichen Händen. Die Eroberung war abgeschlossen. Briten, Franzosen, Holländer, Portugiesen und US-Amerikaner hatten sich ihre Besitzungen gesichert und die Grenzen der Kolonialstaaten, die sich auch in der Folge nur wenig ändern sollten, ihren Interessen entsprechend festgelegt. Eine Entlassung der Gebiete in die völkerrechtliche Unabhängigkeit zu einem unbestimmten Zeitpunkt war nur den von den USA regierten Philippinen in Aussicht gestellt worden. Für die übrigen Kolonialmächte war ein solcher Schritt keine Option. Die wirtschaftliche Entwicklung Südostasiens nach dem Ende des Ersten Weltkriegs sollte, so hoffte man, zur Kooptation der indigenen Bevölkerung und zum Frieden in den Kolonien beitragen. Tatsächlich waren es aber gerade die 20er- und 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts, die jene nationalistischen und antikolonialen Persönlichkeiten und Bewegungen in Südostasien hervorbrachten, die die Fremdherrschaft massiv in Frage stellten und auf deren Sturz hinarbeiteten. Die Zwischenkriegszeit war somit gekennzeichnet durch erhebliche Spannungen zwischen Kolonialisierten und Kolonialverwaltung, die von Letzterer weitgehend unterschätzt wurden. Die Gründe für die Ausweitung des indigenen antikolonialen Widerstands waren vielfältig und sowohl auf endogene als auch auf exogene Faktoren zurückzuführen. Seiner Qualität nach unterschied er sich wesentlich von früheren Bewegungen gegen die fremde Bevormundung.

Der südostasiatische Kolonialstaat nach dem Ersten Weltkrieg

Die durch die im 19. Jahrhundert einsetzende wirtschaftliche Transformation in Südostasien induzierten Änderungen zeigten schon früh ihre Auswirkungen, sollten aber nach dem Ende des Ersten Weltkriegs nicht zuletzt durch eine erhöhte Präsenz der Kolonialmacht eine massive Aggravation erfahren. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts war die territoriale Grenzziehung vorerst abgeschlossen, was zur Errichtung klarer politischer und administrativer Einheiten und zu einer neuen, rationaleren und unpersönlicheren, an westlichen Normen ausgerichteten politischen Ordnung führte. Im Bemühen um eine effizientere Kontrolle der Kolonien begann man mit einer stärkeren Zentralisierung der Verwaltung, betrieb die Vereinheitlichung der Gesetze, des Währungs- und Bankenwesens sowie der Sprachen, des Steuersystems und selbst der Maßeinheiten entsprechend den westlichen Gepflogenheiten. Straßen, Eisenbahnen sowie ein Telegraphen- und Postsystem verbanden die administrativen und wirtschaftlichen Zentren der Kolonien mit ihrem Hinterland und wurden sowohl aus ökonomischen als auch aus politischen Gründen weiter ausgebaut. Die effizientere Eintreibung von Steuern und Abgaben erlaubte auch ein stärkeres Engagement in den Bereichen der Bildung, des Gesundheitswesens sowie der Sozial- und Wirtschaftspolitik. Südostasien erlebte einen kontinuierlichen Übergang zu einem modernen Staatswesen. Die Regierungspräsenz erreichte eine bislang nie dagewesene Intensität, erstreckte sich nun auch auf das Hinterland, reichte bis auf die Dorfebene und durchdrang das gesamte Alltagsleben der kolonialisierten Bevölkerung. Die Vorstellung von einer vollständigen Kontrolle der südostasiatischen Untertanen durch die Kolonialmächte blieb jedoch eine Illusion.
Die massive Ausweitung der staatlichen Aufgabenbereiche und Regierungstätigkeit zu Beginn der 20er-Jahre erforderte einen neuen Stil der Administration, klar definierte, formale, nicht persönlichkeitsdominierte Institutionen, konkrete bürokratische Funktionen, geregelte Prozesse und viel Schreibarbeit. Entsprechend ging sie einher mit einem ebenso massiven Wachstum der Bürokratie. Die Privilegien der indigenen Führer wurden beschnitten. Eine zentral kontrollierte Hierarchie wurde eingeführt. Blieben die führenden Ämter in der Verwaltung auch weiterhin in den Händen der Kolonisatoren, so stieg die Zahl der Einheimischen und, wo man diese nicht für geeignet empfand, der Immigranten aus anderen asiatischen Ländern gerade in den unteren und mittleren Positionen stark an. Die westlichen Kolonialmächte in Südostasien waren immer auf eine zumindest begrenzte Zusammenarbeit mit der indigenen Bevölkerung und den asiatischen Zuwanderern angewiesen gewesen, hatten jedoch deren Einflussbereich entsprechend den eigenen Interessen zu minimieren versucht. Die in den meisten Fällen bereitwillige Kollaboration der indigenen Eliten mit den Kolonialherren hatte sich als Vorteil für beide Seiten erwiesen. Ihre Beziehung zueinander entsprach weitgehend der in Südostasien verbreiteten Patron-Klienten-Beziehung, war eine komplexe und ungleiche und blieb ambivalent. Die Ausweitung der Staatstätigkeit und ein sich langsam wandelndes Verständnis von politischer Legitimität als Folge von Performanz anstelle von göttlicher Bestimmung, Reichtum oder Amtsinsignien erforderte zunehmend ein größeres Maß an Effizienz. Grundvoraussetzung für die Aufnahme in den Staatsdienst waren nun nicht mehr allein Status und Herkunft, sondern auch ein Mindestmaß an westlicher Formalbildung, administrativen Fertigkeiten, Kenntnis der Sprache der Kolonialmacht sowie die Akzeptanz seitens der Kolonialherren. Hatte man sich bislang wesentlich auf die Zusammenarbeit mit den traditionellen Eliten konzentriert, so konnte man nun verstärkt auf eine neu aufkommende Bildungsschicht zurückgreifen, die ihre Entstehung dem seit Beginn des Jahrhunderts rasch wachsenden westlichen Schulsystem in den Kolonien verdankte und nicht notwendigerweise der indigenen Aristokratie entstammte. Angesichts alter Loyalitäten und Machtverhältnisse, die sich als Gefahr für die kolonialen Interessen erweisen konnten, schien die Heranbildung einer neuen, den Kolonialmächten verpflichteten Klientel als opportun. So bevorzugte man in der Verwaltung in Britisch Malaya Chinesen, in Birma Inder und Karen. In den französischen Protektoraten Kambodscha und Laos wurden aus Mangel an ausreichend gebildetem Personal Vietnamesen in die Bürokratie aufgenommen. Ebenso verbreitet war die Rekrutierung von Asiaten aus anderen Ländern sowie von Mitgliedern ethnischer Minderheiten im militärischen Bereich. So bestand zum Beispiel das britische Militär in Birma 1939 aus 1448 Karen, 886 Chin, 881 Kachin und nur 472 Barma, die mit rund 70 Prozent der Bevölkerung des Landes die ethnische Mehrheit bildeten (Smith 1999:44). In Malaya wurden Inder eingesetzt, und in Niederländisch-Ostindien war die Anwerbung von Ambonesen eine erklärte Politik der Holländer.
Zu Beginn der 20er-Jahre nahm die Zahl der Einwanderer aus den westlichen Staaten zu. Hatte die geringe Durchdringung der Region durch die Kolonialmacht und die weitgehende Aufrechterhaltung des sozialen Status der indigenen Elite in den frühen Jahren der Kolonisation die Ausländer nicht notwendigerweise in allen Gebieten als fremde Regierung erscheinen lassen, so konnte nun kein Zweifel mehr daran bestehen, dass die Interessen des Kolonialstaates nicht mit jenen der indigenen Gesellschaft ident waren (Trocki 1992:93). Die größere Präsenz der westlichen Kolonisatoren nach dem Ersten Weltkrieg und deren Bevorzugung in der Bürokratie und in besser dotierten Positionen ließen die rassistischen Aspekte der Fremdherrschaft deutlicher hervortreten. Status und Macht der Südostasiaten schienen trotz ihrer stärkeren Einbindung in die Administration abzunehmen. Sie waren nicht nur die billigeren Beamten als die westlichen Zuwanderer, sondern auch von Karrierechancen meist ausgeschlossen. Ihre Einbeziehung in die staatliche Verwaltung vermittelte ihnen jedoch einen tiefen Einblick in das koloniale System und in bürokratische und administrative Notwendigkeiten, der sie, zusammen mit der ethnischen Diskriminierung und der damit einhergehenden Frustration, zu erklärten Gegnern der Kolonialregierung werden ließ. Der Slogan "Asien den Asiaten", mit dem die Japaner im Zuge ihrer Besetzung Südostasiens während des Zweiten Weltkriegs um Loyalität warben, entsprach daher durchaus ihren Bedürfnissen, wurde von ihnen positiv aufgenommen und im eigenen Sinne interpretiert. Was vom Westen als Kollaboration gesehen wurde, war weitgehend asiatischer Pragmatismus. Den Südostasiaten selbst wurde jedoch bald klar, dass mit der japanischen Besetzung nur eine Kolonialmacht durch eine andere, keineswegs wohlwollendere, ersetzt werden sollte.
Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg schienen sich aber die Hoffnungen auf ökonomische Prosperität und politischen Frieden zu erfüllen. Die Wirtschaft boomte infolge der verstärkten internationalen Nachfrage. Südostasien gehörte zu den Hauptlieferanten von Gummi, Reis und Zinn, und die Exporteinkommen stiegen auch für die übrigen Ausfuhrprodukte, was sowohl zu einer erheblichen Expansion der Produktion als auch der Produktionsflächen und einer verstärkten Nachfrage nach Arbeitskräften führte. Tatsächlich wurde in den 20er-Jahren in den meisten südostasiatischen Staaten die so genannte Grenze (frontier) des agrarisch nutzbaren Bodens erreicht, denn der vom Westen induzierte wirtschaftliche Wandel war mit einem rapiden Bevölkerungswachstum verbunden. Land war nun eine knappe Ressource. Pächter und Kleinbauern konnten mit den gestiegenen Produktionsanforderungen nur schwer Schritt halten. Höhere Abgaben und die damit verbundene Verschuldung führten oft zum Verlust des Bodens, der von den Gläubigern, häufig Großgrundbesitzern und Geldverleihern, akquiriert wurde. Die Zahl der Pächter und der Landlosen stieg ebenso wie die der abwesenden Grundherren, die ihre Besitzungen zu ausbeuterischen Bedingungen verpachteten oder von Lohn- und Saisonarbeitern bestellen und von Aufsehern verwalten ließen. So waren in Niederbirma schon 1930 rund 31 Prozent des kultivierten Landes in Händen von abwesenden Grundbesitzern und knapp zehn Jahre später nahezu 60 Prozent des Bodens unter fixen Pachtverträgen (Elson 1992:145). Die Landarbeiter sollten, zumindest solange der Wirtschaftsaufschwung anhielt, von der erhöhten Nachfrage nach Arbeitskräften profitieren, gehörten aber in den Zeiten der Weltwirtschaftskrise zu den am stärksten betroffenen Gruppen.
Angesichts der raschen Kommerzialisierung und der verbesserten Transportmöglichkeiten nahmen Saison- und Wanderarbeit zu. Zur Migration aus Indien und China kam die interne Migration, die im Wesentlichen dem indischen und chinesischen Muster glich. Waren die frühen Migranten Männer in ihren Zwanzigern und Dreißigern, so folgten ihnen nun auch junge Frauen, die von ihren Anwerbern nicht selten in die Prostitution gezwungen wurden. Doch selbst wenn sie auf den Plantagen oder in anderen Betrieben eingesetzt waren, lagen ihre Löhne weit unter jenen der Männer. Insgesamt sollte sich die vom Westen induzierte wirtschaftliche Entwicklung für die südostasiatischen Frauen, die über einen besseren Status - der allerdings nie über dem von Männern lag - als ihre Geschlechtsgenossinnen in anderen asiatischen Ländern verfügten, als zweischneidig erweisen. Die wirtschaftliche Notwendigkeit erforderte ihren Eintritt in die Lohnarbeit. Ihr Beitrag zum Haushaltseinkommen war enorm. Oft mussten die Frauen in Abwesenheit der Männer landwirtschaftliche Zusatzaufgaben übernehmen und für das gesamte Familieneinkommen sorgen. Tatsächlich wurde aber bezahlte Frauenarbeit immer nur als Zusatzverdienst gesehen. Höher dotierte und bessere Positionen gingen an Männer. Die starke Einbeziehung in das Wirtschaftsleben verlieh den Frauen aber gleichzeitig eine größere Unabhängigkeit, die sich bis in die Gegenwart manifestieren sollte. Die Lebensumstände weiblicher und männlicher Lohnarbeiter unterschieden sich jedoch wenig voneinander. Der Alltag war bestimmt von der streng überwachten Arbeit. Die Löhne waren generell niedrig, die Gefahr der Verschuldung war gerade für Männer enorm, die das geringe Einkommen nicht selten verspielten, vertranken oder für Prostituierte ausgaben. Eine Rückkehr der Wanderarbeiter zur Familie war erst nach Abzahlung der beim Arbeitgeber oder Vermittler angehäuften Schulden und somit oft gar nicht möglich. Die Sterberate war hoch. Die strikten und oft unmenschlichen Arbeitsbedingungen sowie die Willkür der Dienstgeber und Aufseher führten häufig zu Unruhen und Streiks, aber auch zu Übergriffen auf das Aufsichtspersonal. So wurde etwa 1927 ein französischer Aufseher in Cochinchina von seinen Untergebenen wegen wiederholter Misshandlungen massakriert (Elson 1992:161). Eine Verbesserung der Situation versuchten die langsam aufkommenden Gewerkschaften zu erreichen.
Die Migration, sowohl die interne als auch die indische und chinesische, war auch dazu angetan, die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung zu verändern und trug vor allem dort zu Unruhen bei, wo sich die angestammte Bevölkerung um Land und Lebensgrundlage gebracht sah, wie in Mindanao, wo ein bereits 1913 begonnenes Umsiedlungsprogramm aus Luzon für die Integration der auf Eigenstaatlichkeit bedachten Muslime der südlichen Philippinen in einen philippinischen Einheitsstaat sorgen sollte.
Waren Produktion und Ressourcen vorwiegend in den ländlichen Gebieten angesiedelt, so wurden die Städte zu Zentren der Administration und des Handels. Im Gegensatz zur Stagnation des städtischen Wachstums zu Ende des 19. Jahrhunderts konnte zu Beginn der Zwischenkriegszeit eine rapide Urbanisierung festgestellt werden. Tatsächlich wuchsen die Städte nun viel schneller als ihre umliegenden ländlichen Gebiete. 1930 gab es bereits 16 südostasiatische Städte mit über 100.000 Einwohnern (Elson 1992:170). Die urbanen Zentren erwiesen sich aber weniger als industrieller Motor denn als Handelszentren und als Zwischenstation auf dem Exportweg der Produkte aus dem Hinterland. Die Hauptstadt wurde zum wichtigsten Zentrum des Staates, an das die nächstgrößte Stadt weder an Größe noch an Bedeutung herankam. In ihr wohnten neben den westlichen Kolonialherren die indigenen Eliten und die abwesenden Grundbesitzer, die häufig miteinander ident waren, zu Wohlstand gelangte Zuwanderer aus China und Indien, die immer noch als Vermittler zwischen Kolonialmacht und indigener Bevölkerung agierten, eine langsam aufkommende Mittelschicht, die aufgrund ihrer Formalbildung sowohl in die Administration als auch in die Wirtschaft Eingang fand, sowie eine wachsende Arbeiterschicht und Neuzuwanderer, die vor allem im informellen Sektor tätig wurden. Letztere stellten einen größeren Anteil dar als die Lohnarbeiter, die trotz häufiger Arbeitslosigkeit zumindest vorübergehend geregelte Arbeitsverhältnisse eingehen konnten. Insgesamt erwies sich der informelle Sektor als arbeitsintensiv und weniger produktiv als der formelle und führte zu einer Prolongierung der Armut vor allem junger weiblicher Arbeitskräfte, die aufgrund ihrer geringen oder fehlenden Formalbildung kaum Aussichten auf verbesserte Karrierechancen hatten. Aufgrund persönlicher Bindungen ergab sich nicht nur eine an ethnischer oder lokaler Herkunft ausgerichtete Arbeitsteilung, sondern auch eine ebensolche Wohn- und Siedlungskonzentration (Doeppers 1984:79ff). Wenngleich das ländliche und städtische Arbeiterproletariat zunahm, so war es doch trotz gelegentlicher Unruhen weit von einer kritischen Masse entfernt. Zum Träger der Veränderungen wurde die besser gebildete Mittelschicht, die von einer erheblich erweiterten Schulbildung profitierte und nicht nur die Führungsrolle der Kolonialmacht, sondern auch die der traditionellen indigenen Eliten in Frage zu stellen begann.


Nationalismus und Unabhängigkeitsbewegungen

Die modernistischen Reformer der 20er- und 30er-Jahre unterschieden sich sowohl vom frühen traditionellen Widerstand gegen die Fremdherrschaft als auch von den chiliastischen Bewegungen und Bauernaufständen des frühen 20. Jahrhunderts, die sich zwar gegen die intrudierenden Maßnahmen der Kolonialherrschaft richteten, aber keine ernsthafte Herausforderung für die etablierten Regierungen darstellten. Die neue Generation würdigte zwar den Wert dieser Bewegungen für ihre Unabhängigkeitsbemühungen, zog aber auch die geänderten sozialen, wirtschaftlichen und politischen Faktoren in Erwägung. Tatsächlich orientierten sich die Reformer stärker an westlichen Ideologien und Konzepten als an indigenen Traditionen. Sie erkannten sehr wohl die Nützlichkeit der staatlichen Einrichtungen und bereiteten sich darauf vor, diese nicht zu eliminieren, sondern von der Kolonialverwaltung zu übernehmen und für ihre Zwecke zu adaptieren, die westlichen Vorteile mit den asiatischen Werten zu verschmelzen. Beeinflusst durch ihre westliche Bildung, standen sie den Ideen der Kolonialherren oft näher als der einheimischen Bevölkerung, in deren Namen sie zu agieren vorgaben. Nicht immer richteten sich die reformistischen Aktivitäten nur gegen die Herrschaft durch die Kolonialmächte, sondern vielerorts auch gegen die indigenen Eliten, die mit den westlichen Regenten zugunsten der Wahrung der eigenen Interessen kollaborierten und nun den Dekolonisationsprozess erheblich erschwerten.
Mit Kratoska und Batson kann man die Reformbewegungen in drei Gruppen einteilen: Jene, in der Regel der ethnischen Mehrheit zugehörigen Aktivisten, die nach 1945 in einem völkerrechtlich unabhängigen Staat das Erbe der Kolonialmächte und die Regierung übernehmen konnten; sodann ethnische Minderheiten, die keinen eigenen Staat erreichen konnten und aufgrund ihrer Sezessionsbestrebungen oft bis heute zu potenziellen Konfliktfaktoren wurden; und schließlich Gruppierungen, die nur ein geringes Interesse an politischem Nationalismus und Unabhängigkeit zeigten, aber soziale und religiöse Reformen forderten (Kratoska/Batson 1992:249). Die gängige Gleichsetzung von Antikolonialismus und Nationalismus sollte sich somit mehrfach als problematisch erweisen. Zum einen vertraten verschiedene antikoloniale islamische und sozialistische Bewegungen transnationale Ideologien, die dem Nationalismus ablehnend gegenüberstanden, wenngleich sie ihn durch ihre Agitation begünstigten. Zum anderen war die Grenzziehung durch die Kolonialmächte ohne Rücksicht auf die ethnische Zugehörigkeit der Bevölkerung erfolgt. Die Kolonialstaaten waren "plurale Gesellschaften" (Furnivall 1948:304f), ethnisch inhomogene Territorien, auf die das Prinzip, dass die politische und nationale Einheit kongruent sein sollten (Gellner 1983:1), keine Anwendung fand. Das erklärt auch die Spaltung der nationalistischen Unabhängigkeitsbewegung in einen "territorialen Nationalismus" (Smith 1986:9), der auf der von der Kolonialmacht errichteten territorialen und politischen Einheit basierte und schließlich zum Erfolg führte, und in einen "ethnischen Nationalismus" (Eriksen 1993:6) der Minoritäten, die einen auf ethnischer Zugehörigkeit beruhenden Staat forderten und, wie oben erwähnt, in ihren Bemühungen frustriert wurden, deren Sezessionsbestrebungen aber teilweise bis in die Gegenwart andauern.
Die Gründe für das Aufkommen der Reformbewegungen waren vielfältig. Neben einer umfangreicheren Schulbildung, besseren Reise-, Kommunikations- und Informationsmöglichkeiten, der Einführung westlicher Regierungs- und Verwaltungsformen und einem wachsenden Rassismus seitens der westlichen Zuwanderer erwiesen sich sowohl die Verbreitung antikolonialer Ideologien als auch reformistische Aktivitäten in Japan, Indien und China, die Ereignisse in Europa und die russische Revolution als ausschlaggebend.
Rechtfertigte man die Unterwerfung der südostasiatischen Staaten durch den Westen auch als mission civilisatrice, so orientierten sich die erziehungspolitischen Maßnahmen der Kolonialmächte vorrangig an den eigenen wirtschaftlichen und strategischen Interessen und blieben moderat, wollte man ja nicht die eigene Herrschaft durch die Verbreitung eines größeren politischen Bewusstseins in Frage stellen lassen. Nur die US-Regierung auf den Philippinen betrachtete den Ausbau der allgemeinen Grundschulbildung als Vorbereitung auf eine eventuelle Entlassung in die Unabhängigkeit, nutzte sie aber gleichzeitig als Befriedungsinstrument. Durch die wachsenden Aufgaben der Regierungen und die wirtschaftliche Entwicklung wurde eine Expansion des Schulwesens aber auch in den übrigen Kolonialstaaten unabdingbar. In den vier Jahrzehnten vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde in allen Ländern Südostasiens ein Bildungssystem eingerichtet, das von der Grundschule bis zur Universität reichte. Entsprechend entwickelte sich eine ständig wachsende, westlich gebildete indigene Mittelschicht jenseits der traditionellen Elite, konnte praktisch jeder bedeutende südostasiatische politische Denker und Führer der Zwischenkriegszeit auf eine überdurchschnittliche Bildung verweisen.
Die Errichtung höherer Bildungsinstitutionen begünstigte Kontakte über die ethnischen und kolonialstaatlichen Grenzen hinweg. Studenten, die ihre Ausbildung in Europa oder den USA fortsetzten, wurden mit einem neuen politischen Bewusstsein und neuen liberalen Ideen und Konzepten wie Nationalismus, Demokratie, Konstitutionalismus und Kommunismus sowie mit aktuellen internationalen Ereignissen konfrontiert. Bei internationalen Kongressen trafen sie nicht nur Mitstreiter aus anderen Kolonialstaaten, sondern auch Sympathisanten aus westlichen Ländern, die ihre Anliegen unterstützten. Das stärkte das Bewusstsein für das Auseinanderklaffen von westlichen politischen Idealen und politischer Realität in den Kolonien.
Zum staatlichen, westlich orientierten Schulwesen kamen private, sowohl weltliche als auch religiöse Bildungsinstitutionen, die ebenso für die Verbreitung nationalistischer Ideen genutzt wurden. Vor allem die moslemischen pesantren und madrasah sollten hier von Bedeutung werden. Sie trugen dazu bei, dass sich vielerorts ein zumindest rudimentärer Alphabetismus verbreitete, der die rasche Weitergabe von Informationen ermöglichte, was sich für die Verbreitung der neuen Ideen von Vorteil erwies, denn zeitgleich mit der Zunahme von Bildungseinrichtungen stieg auch die Zahl der Zeitungen und Printmedien. Begünstigt wurde diese Entwicklung nicht nur durch die journalistische Tätigkeit der ersten Nationalisten, sondern auch, wie in Vietnam, durch die Einführung der Lateinschrift quôc ngu oder die Propagierung des bahasa indonesia als lingua franca in Niederländisch-Ostindien. Das Interesse der Kolonialmächte an südostasiatischer Geschichte und Archäologie, Kunst und Kultur ließ zusätzlich das Bewusstsein einer ruhmreichen Vergangenheit entstehen, auf die sich die Einheimischen in ihrem Bemühen nach mehr Selbstbestimmung in der Folge immer wieder berufen sollten (SarDesai 1994:137).
Nicht weniger impulsreich für die Unabhängigkeitsbewegungen erwiesen sich externe Ereignisse. Die 1868 durch die Meiji-Reform eingeleitete Modernisierung Japans, die Akzeptanz des Landes als gleichberechtigter Partner durch die Westmächte 1899 und sein Sieg im Russisch-Japanischen Krieg (1904-05) über ein europäisches Land, der endgültig den Mythos von der europäischen Unbesiegbarkeit und den Glauben an die asiatische Inferiorität zerstörte, stärkten das Selbstvertrauen der südostasiatischen Nationalisten. Ebenso wichtig waren die Ereignisse in China, speziell nachdem Japan selbst einen imperialistischen Kurs einschlug: der gegen den Imperialismus gerichtete Boxeraufstand von 1900, die chinesische Revolution von 1911 und die Einführung der Republik 1912, die folgende intellektuelle und kulturelle Bewegung sowie die Gründung der kommunistischen Partei Chinas 1921. China aber bot nicht nur ideologische Unterstützung, sondern auch Zuflucht für politische Exilanten aus Südostasien, was vor allem für die vietnamesischen Nationalisten von Bedeutung sein sollte. Das dritte asiatische Land, das wesentliche Impulse vor allem für die nationalistische Bewegung in Birma und Indonesien bot, war Indien, wo zuerst der 1885 gegründete Indian National Congress und schließlich Mahatma Gandhi und Jawaharlal Nehru zu den Sprachrohren der nationalistischen Bewegung wurden. Die Intensivierung der Kontakte mit dem Mittleren Osten hatte schon die proto-nationalistischen Bewegungen in Indonesien zu Beginn des Jahrhunderts beeinflusst (Dahm 1974:110ff), aber auch für Buddhisten wurde die Unterwerfung durch Andersgläubige zu einem der wesentlichen Aspekte im antikolonialen Kampf.
Wichtige Anstöße kamen vom Westen selbst. Der Erste Weltkrieg hatte zum Zusammenbruch großer multinationaler Reiche in Europa und Eurasien geführt. Das Habsburgerreich Österreich-Ungarn wurde ebenso wie das Osmanische Reich und das ehemalige zaristische Russland zumindest weitgehend nach ethnischer Zugehörigkeit geteilt. Das 14-Punkte-Programm von US-Präsident Woodrow Wilson stellte durch seine Forderung, das Selbstbestimmungsrecht kleiner Nationen wiederherzustellen und bei der Entscheidung über Souveränitätsfragen die Interessen der kolonialisierten Völker zu berücksichtigen, in den Augen der Südostasiaten zumindest eine theoretische Anerkennung der antikolonialen Bewegung dar. Die durch den Krieg erlittene Schwächung der Siegermächte Frankreich und Großbritannien war zudem unübersehbar. Hoffnungen erweckten nicht zuletzt die russische Oktoberrevolution von 1917 und der damit verbundene Aufruf zum weltweiten Kampf gegen den Imperialismus. Waren sozialistische Ideen schon vor dem Ersten Weltkrieg nach Südostasien gedrungen, so wurden nun die ersten kommunistischen Parteien in der Region gegründet. Ihr Erfolg hing jedoch weniger von der den Asiaten fremden Ideologie, sondern von zahlreichen anderen Faktoren ab. Die Weltwirtschaftskrise, deren Auswirkungen sich in Südostasien in den frühen 30er-Jahren sowohl länder- als auch schichtspezifisch unterschiedlich zu manifestieren begannen, trug zu einer Aggravation der Situation und zu temporären Unruhen bei. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs stellte vorerst eine Zäsur in der Entwicklung dar, die Ereignisse zwischen 1941-1945 sollten sich allerdings als Katalysator für die Erlangung der Unabhängigkeit erweisen.


Der Verlauf der Unabhängigkeitsbemühungen

Die Philippinen
Eine Vorwegnahme der politischen Ereignisse in Südostasien gab es auf den Philippinen, die daher eingehender behandelt werden sollen. Dort hatte neben dem moslemischen Widerstand gegen die Spanier schon seit Beginn der Kolonisation durchschnittlich alle vier bis fünf Jahre ein Aufstand der indigenen Bevölkerung gegen spanische Maßnahmen stattgefunden. Zu Ende des 19. Jahrhunderts nahm die Unzufriedenheit mit der Kolonialregierung jedoch eine neue Qualität an. Als Katalysator fungierte die Hinrichtung dreier philippinischer Priester, José Burgos, Mariano Gomez und Jacinto Zamora, die gegen die Benachteiligung einheimischer Geistlicher gegenüber dem spanischen Klerus protestiert hatten, und nun fälschlicherweise als Verschwörer und Anführer des im Januar 1872 im Arsenal von Cavite ausgebrochenen Aufstands beschuldigt wurden.
Um 1880 begannen die in den Schulen in europäischer Tradition erzogenen ilustrados, die gut ausgebildeten Söhne wohlhabender chinesischer Mestizen und Filipinos, die Emanzipation voranzutreiben. Ziel ihrer als Propaganda bezeichneten Bewegung war nicht die Loslösung von Spanien, mit dem sie das Bewusstsein einer gemeinsamen kulturellen Tradition verband, sondern die Anerkennung der Philippinen als spanische Provinz und damit die vollen Bürgerrechte und das Ende der politischen und sozialen Diskriminierung der indigenen Bevölkerung. Durch ihre Zeitschrift "La Solidaridad" und den sozialkritischen Roman "Noli me tangere" von José Rizal, der im 20. Jahrhundert zum philippinischen Nationalhelden aufstieg, sollten die Ilustrados zwar die zukünftige Entwicklung in den Philippinen beeinflussen, eine Massenbasis konnten sie aber nicht aufbauen.
Im Gegensatz zur Propaganda forcierte die 1892 von dem nicht der Elite zugehörigen Andres Bonifacio gegründete Katipunan, eine Geheimgesellschaft nach dem Vorbild der Freimaurer mit dem Ziel der Loslösung von Spanien, den bewaffneten Aufstand, der im August 1896 begonnen wurde. Trotz wechselnden Kriegsglücks wurde im März 1897 die Republik ausgerufen und eine Regierung unter Emilio Aguinaldo gewählt, der seinen Gegenspieler Bonifacio im Mai 1897 im Zuge eines internen Machtkampfes zum Tode verurteilte und hinrichten ließ. Im November 1897 wurde eine provisorische Verfassung nach dem Vorbild Kubas unterzeichnet, die für zwei Jahre gültig sein sollte. Ende des Jahres schloss Aguinaldo jedoch einen Waffenstillstand mit der spanischen Kolonialmacht, die den Aufstand angesichts der zunehmenden Spannungen mit den USA um Kuba möglichst schnell beenden wollte und ihm eine beachtliche finanzielle Entschädigung anbot, sofern er das Land verließ. Am 27. Dezember 1897 ging er mit seinen Mitstreitern nach Hongkong ins Exil, wo er die Unterstützung der USA für seine Unabhängigkeitsbestrebungen suchte.
Seitens der USA, die am Ostasienhandel teilhaben wollten, war ein Angriff auf die Philippinen im Falle eines spanisch-amerikanischen Krieges schon geplant. Die US-amerikanische Eroberung der Philippinen, die mit der Zerstörung der spanischen Flotte in der Manila Bay am 1. Mai 1898 begann, erfolgte unabhängig von den philippinischen Nationalisten, die man so lange mit ihren Aktivitäten gewähren ließ, als es für die amerikanischen Pläne opportun war. Am 24. Mai 1898 errichtete Aguinaldo, der im amerikanischen Gefolge auf den Archipel zurückgekehrt war, eine provisorische Regierung und erklärte am 12. Juni desselben Jahres die Unabhängigkeit von Spanien. Am 23. Januar 1899 wurde von ihm die Republik ausgerufen. Am 4. Februar 1899, zwei Tage bevor der Vertrag von Paris, der die Philippinen zur Kolonie der USA erklärte, im amerikanischen Kongress ratifiziert wurde, brach der Philippinisch-Amerikanische Krieg aus, der am 4. Juli 1902 trotz andauernder Kampfhandlungen sein offizielles Ende fand. Schon im April 1901 legte der gefangen genommene Aguinaldo den Loyalitätseid auf die USA ab (Reiterer 1997:75ff).
Weder die Propagandabewegung noch die Katipunan trugen erheblich zur Dekolonisation bei. Die Herrschaft über die Philippinen ging trotz des enormen Widerstandes gegen die Amerikaner nahtlos von den Spaniern auf die USA über, die sich als vergleichsweise wohlwollende Kolonialmacht erweisen sollten und ihr Versprechen bezüglich Selbstverwaltung und Unabhängigkeit allmählich realisierten. Von Anfang an wurden die Einheimischen in die Justiz und die Lokalregierung eingebunden und fanden Wahlen auf unteren Regierungsebenen statt. 1907 wurde ein philippinisches Parlament eingerichtet und 1916 das Jones Law verabschiedet, das nicht nur die philippinische Beteiligung an der Regierung verstärkte, sondern auch die Entlassung in die Unabhängigkeit in greifbarere, wenngleich noch immer unbestimmte Nähe rücken ließ. Die in die Regierung des Landes eingebundene philippinische Elite verfolgte eine ambivalente Politik. Während sie seit 1919 Unabhängigkeitsmissionen in die USA schickte, versuchte sie vor der vollständigen Übernahme der Verantwortung für den Staat ihre eigene wirtschaftliche und politische Position zu stärken. Angesichts der Weltwirtschaftskrise und der Invasion der Mandschurei durch die Japaner 1931 schien jedoch auch den USA eine Entlassung aus der kolonialen Verantwortung als opportun. Der von Sergio Osmeña und Manuel Roxas mit den Kolonialherren 1933 geschlossene Unabhängigkeitsvertrag wurde von den Filipinos zugunsten eines nahezu identen, von Manuel Quezon 1934 unterzeichneten abgelehnt. Am 15. November 1935 wurde das philippinische Commonwealth unter dem vom Volk gewählten Präsidenten Quezon inauguriert. Seine Macht blieb vorerst auf die Innenpolitik beschränkt, doch sollten die Philippinen nach einer zehnjährigen Übergangsperiode 1946 automatisch in die Unabhängigkeit entlassen werden. Die Landung japanischer Einheiten am 8. Dezember 1941 und die Einverleibung des Landes in die "Greater East Asia Co-prosperity Sphere" stellten vorerst eine Zäsur in der Entwicklung dar.
Insgesamt sollte sich die US-Politik nachteilig auf die Entwicklung einer philippinischen nationalen Identität auswirken. In den 30er-Jahren nahm zwar die politische Agitation seitens der Gewerkschaften, der neu gegründeten sozialistischen und kommunistischen Partei sowie der radikal antiamerikanischen Sakdalbewegung zu. Die Aussicht auf Unabhängigkeit verhinderte jedoch die Entstehung eines den philippinischen Regionalismus überschreitenden Nationalismus, wie er sich zu Ende des 19. Jahrhunderts angekündigt hatte.

Birma
Neben den Filipinos wurde auch den Birmesen bis Mitte der 30er-Jahre eine eigene Regierung mit beschränkten Kompetenzen zugestanden. Von Anfang an sahen sich die Briten, die das Land zwischen 1824 und 1885 annektierten und in der Folge als Provinz von Britisch-Indien regieren ließen, ohne der Bevölkerung die gleichen Rechte wie den Indern einzuräumen, massivem indigenen Widerstand ausgesetzt. Ihre willkürliche und inkonsistente Politik führte zu einer erheblichen Ungleichbehandlung der Völker Birmas, des ethnisch diversesten Landes Festlandsüdostasiens. Die Verleihung von Sonderrechten an einzelne Ethnien im Zuge der Reformen des frühen 20. Jahrhunderts und die christlichen Missionierungsbestrebungen unter den Karen, die aufgrund ihrer in Missionsschulen erworbenen Bildung verstärkt in die britische Administration und das Militär eingebunden wurden, ließen den Eindruck einer Sonderbehandlung verschiedener Minoritäten entstehen und vertieften die Gräben zwischen den Ethnien zusätzlich. Wenngleich die Briten kein Interesse an der Förderung ethnischer Minderheiten hatten, so war ihre Politik dazu angetan, deren Nationalbewusstsein zu stärken. Als zu Beginn des 20. Jahrhunderts die ersten nationalistischen Bewegungen gegründet wurden, waren ethnische Minderheiten in diesen stark vertreten (Reiterer 2002:17). Für die Erlangung der Unabhängigkeit von Großbritannien waren jedoch die Barma, die birmesische Mehrheitsbevölkerung, ausschlaggebend. Diese orientierten sich weitgehend an der Erfahrung der antikolonialen Bewegung in Indien und waren stark durch den Buddhismus beeinflusst, was die Differenzen mit den nicht-buddhistischen Minderheiten verstärkte. 1906 wurde die Young Men's Buddhist Association gegründet, die sich vorerst auf kulturelle Fragen konzentrierte, aber zunehmend politisiert wurde. Ihre Spaltung aufgrund des notorischen birmesischen Faktionalismus führte zur Gründung des General Council of Burmese Associations (GCBA), dessen Ziel eine breite antikoloniale Front war. Mit dem am 5. Dezember 1920 begonnenen Studentenstreik an der Universität von Rangun und der direkten politischen Einmischung der buddhistischen Mönche wurde dem Antikolonialismus eine neue Dimension hinzugefügt. Der GCBA missachtete die Autorität der von den Briten eingesetzten indigenen Führer, errichtete teilweise Schattenregierungen und befürwortete den Boykott der Wahlen 1922, 1925 und 1928 (Smith 1999:49f). Die mit der 1923 erfolgten Errichtung des Legislativrats, der den Birmesen eine beschränkte Mitbestimmung erlaubte, verbundenen Machtbefugnisse genügten den Nationalisten nicht. Als jedoch die Simon Commission 1928 die Abtrennung Birmas von Indien vorschlug, fürchtete man um die Vorteile, die man aus den antikolonialen Aktivitäten des Indischen Kongresses für die eigenen Selbstverwaltungsbestrebungen zog. Einmal mehr war die nationalistische Bewegung in eine Gruppe gespalten, die die Abspaltung befürwortete und eine andere, die sich dagegen aussprach.
Politischer Druck erwuchs den Briten auch aus dem von Dezember 1930 bis April 1932 dauernden, vom Mönch Saya San geleiteten Bauernaufstand im südlichen Birma, der sich nicht nur gegen die ökonomischen Einbrüche im Zuge der Weltwirtschaftskrise wandte, sondern auch gegen die massiven Eingriffe der kolonialen Administration in das traditionelle Leben. Sollte er auch keine ernsthafte Gefahr für die britische Regierung darstellen, so diente er doch als Inspiration für die 1930 in Rangun gebildete Dobama Asiayone (Wir-Birmanen-Bewegung), deren Mitglieder sich in Anlehnung an die koloniale Anrede als thakin (Herren) bezeichneten. Ihre Führung wurde zunehmend von jungen, marxistisch beeinflussten Intellektuellen übernommen, deren Ziel ein unabhängiges, geeintes Birma und die Assimilation der Minderheiten war. Angesichts ihrer Agitation sah sich Großbritannien zu weiteren Reformen gezwungen. Entgegen den birmanischen Wünschen wurde 1935 der Government of India Act verabschiedet und 1937 die Abtrennung Birmas von Indien vollzogen. Birma wurde nun interne Autonomie zugestanden, doch blieben die Schlüsselpositionen in der Regierung weiterhin in der Verantwortung des britischen Gouverneurs.
Der Thakin-Bewegung gingen diese Reformen nicht weit genug. Im Bestreben nach völkerrechtlicher Unabhängigkeit pflegte sie Kontakte mit Indien und suchte die Unterstützung der chinesischen Nationalisten, sah aber schließlich in Japan den besseren Verbündeten. Am 15. August 1939 gründeten sechs ihrer Mitglieder, darunter Aung San, der zum Vater der birmanischen Unabhängigkeit werden sollte, die Kommunistische Partei Birmas. Zwischen März und Juli 1941 gingen die als Thirty Comrades bekannten Mitglieder der Dobama Asiayone nach Japan zum militärischen Training und gründeten dort am 28. Dezember die Burma Independence Army (BIA), deren erste Einheiten drei Tage später im Gefolge der japanischen Eroberer nach Birma zurückkehrten.

Niederländisch Ostindien
In Niederländisch Ostindien waren die ersten modernistischen Reformbewegungen in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg entstanden. Nach 1910 waren es vor allem drei Organisationen, die den indonesischen Reformismus dominierten: die Sarekat Islam (Islamische Vereinigung), deren originäres Ziel die Förderung der wirtschaftlichen Aktivitäten der indigenen moslemischen Bevölkerung war und die innerhalb kurzer Zeit zu einer Massenbewegung mit über zwei Millionen Mitgliedern wurde (SarDesai 1994:156); die Muhammadiya, eine modernistische Moslemorganisation; und die Indische Sociaal-Demokratische Vereeniging (ISDV), eine marxistische Gruppe. Noch sollte die Unabhängigkeitsfrage eine geringe Rolle spielen (Dahm 1999:183), doch setzte um 1918 eine Radikalisierung der politischen Aktivitäten ein.
Verantwortlich dafür war nicht nur die geringe Reformbereitschaft der Niederländer, sondern auch der Einfluss der ISDV innerhalb der Sarekat Islam und ihr Versuch, die Organisation in eine sozialistische Bewegung umzuformen, was schließlich zu ihrer Spaltung führte. Während der ISDV-Flügel 1920 die Kommunistische Partei Indonesiens gründete (PKI), wandte sich der rechte Flügel der Sarekat Islam moslemischen Zielen zu. Die PKI wurde vorerst zum einzigen Vehikel radikaler Ideen, schuf einen gewerkschaftlichen Dachverband und versuchte in den Aufständen von 1926-1927 die Kolonialregierung zu stürzen, was zum Verbot der Partei und zur Inhaftierung und Verbannung von rund 13.000 Mitgliedern führte (SarDesai 1994:158).
In den 20er-Jahren kamen aber zwei weitere Gruppen hinzu, die politisch aktiv wurden. In den Niederlanden hatten indonesische Studenten die Perhimpunan Indonesia (Indonesische Vereinigung) geschaffen, die vorübergehend mit marxistischen Gruppen zusammenarbeitete, aber die Führungsrolle der Komintern ablehnte und nun für eine Aufkündigung der Kooperation mit der Kolonialregierung plädierte. In Indonesien waren eine zweite Generation von politischen Aktivisten herangewachsen und neue nationalistische Organisationen gegründet worden, die die Führungsrolle der Sarekat Islam endgültig beendeten. Arbeitsgruppen wurden nun zum Treffpunkt etablierter Führungspersönlichkeiten, lokaler Aktivisten und zurückgekehrter Studenten (Kratoska/Batson 1992:272). Aus ihnen ging auch Sukarno hervor, der 1927 die Perserikatan Nasional Indonesia (PNI, Indonesische Nationale Vereinigung) gründete, womit Indonesien erstmals auch als politischer Begriff verwendet wurde (Dahm 1999:184). Sukarno strebte eine Synthese von Nationalismus, Islam und Marxismus an und forcierte die nationale Einheit im Kampf gegen die Kolonialmacht. 1928 erklärte die PNI die rot-weiße Flagge, Bahasa Indonesia und die Hymne Indonesia Raya zu Symbolen der nationalen Einheit, die ihren Ausdruck auch im Slogan "Ein Volk, eine Sprache, ein Land" finden sollte (SarDesai 1994:159).
Aufgrund der wachsenden Agitation wurden Sukarno und andere Mitglieder der PNI im Dezember 1929 inhaftiert. Im April 1931 wurde die Organisation aufgelöst. Zwei Nachfolgeparteien wurden gegründet. Die Partai Indonesia (Partindo) sollte die PNI-Aktivitäten unter einem neuen Namen fortsetzen. Die Pendidikan Nasional Indonesia (Nationale Erziehungspartei Indonesiens oder Neue PNI), in der sich die Ideen des aus den Niederlanden zurückgekehrten Aktivisten Mohammad Hatta spiegelten, wollte die zukünftige Führungsgeneration heranbilden. Ihr trat auch Sukarno nach seiner Freilassung 1932 bei, wurde aber schon ein Jahr später wieder inhaftiert. Ende 1934 befanden sich nahezu alle prominenten antikolonialen Aktivisten inklusive Hatta im Gefängnis oder im Exil. Die Übrigen schlugen bis Kriegsbeginn einen vorsichtigen Kooperationskurs ein (Kratoska/Batson 1992:273ff). 1939 schlossen sich die wichtigsten nationalistischen Organisationen zur Gabungan Politik Indonesia (Gapi, Politischer Verband Indonesiens) zusammen und boten den Niederländern im Austausch gegen ein indonesisches Parlament die Kooperation gegen Nazi-Deutschland an, was diese jedoch ablehnten. Im März 1942 ergab sich Niederländisch Ostindien den Japanern.

Indochina
Laos, Kambodscha und Vietnam, die von den Franzosen in der Indochinesischen Union zusammengefasst worden waren, reagierten unterschiedlich auf die Fremdherrschaft. In Vietnam, wo man auf einen jahrhundertelangen Widerstand gegen die chinesische Hegemonie verweisen konnte, stieß die Okkupation auf wenig Gegenliebe bei der Bevölkerung. Auch wenn der Kaiserhof in Hué mit den Franzosen verschiedene Abkommen geschlossen hatte, sodass die Opposition gegen den Kolonialherren gleichbedeutend war mit dem Widerstand gegen die kaiserliche Politik, kam es von Anfang an zu sporadischen Aufständen gegen die Fremdherrschaft. Die Franzosen, deren Ziel vor allem die wirtschaftliche Ausbeutung des Landes war, versuchten in der Folge alle einheimischen Schritte zu mehr Autonomie mit aller Härte zu unterbinden.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die anti-französische Agitation von konfuzianischen Gelehrten, unter ihnen Phan Boi Chau und Phan Chu Trinh, bestimmt, die sowohl von westlichen als auch pan-asiatischen Ideen beeinflusst waren und unter Wahrung der vietnamesischen Tradition und Kultur in die japanischen Fußstapfen treten wollten. Als sich jedoch Japan aufgrund seiner Annäherung an den Westen verstärkt gegen die Anwesenheit antikolonialer Aktivisten wandte, setzte man seine Hoffnung auf China, das neben einer republikanischen Ideologie auch die Operationsbasis für die vietnamesische Unabhängigkeitsbewegung bot (Kratoska/Batson 1992:277f).
Die 20er-Jahre stellten eine Zäsur in der Entwicklung des Nationalismus in Vietnam dar. Zahlreiche Untergrundorganisationen entstanden. Die bedeutendste war vorerst die 1927 gegründete, nach dem Muster der chinesischen Kuomintang organisierte Viet Nam Quoc Dan Dang (Vietnamesische Nationalistische Partei, VNQDD). Als Geheimgesellschaft verzichtete sie auf den Aufbau einer breiten Gefolgschaft, hoffte aber auf einen durch isolierte Gewaltakte induzierten Massenaufstand. Als die französische Regierung auf die Ermordung eines ihrer Siedler durch einen Vietnamesen im Februar 1929 mit massiven Repressionen reagierte, schien die Zeit dafür gekommen. Die im Februar 1930 begonnene Revolte wurde jedoch nicht nur brutal niedergeschlagen, sondern bedeutete auch das faktische Ende der Partei. Insgesamt begünstigte diese Entwicklung die vietnamesischen Kommunisten.
1911 war Nguyen Ai Quoc, (Nguyen, der sein Vaterland liebt), der Sohn eines Mandarins, der in späteren Jahren den Namen Ho Chi Minh (der nach Erkenntnis Strebende) annahm, nach Paris gereist, wo er zum Mitbegründer der französischen kommunistischen Partei wurde. Seine politischen Aktivitäten führten ihn schließlich nach Moskau und China, wo er nicht nur die Union der unterdrückten Völker des Orients und den Verband der revolutionären Jugend Vietnams, sondern 1930 auch die Kommunistische Partei Indochinas (KPI) gründete. Tatsächlich war dieser Name auf Drängen der Komintern hin gewählt worden, die die Bezeichnung Kommunistische Partei Vietnams als zu nationalistisch ansah. Die Unruhen zu Beginn der 30er-Jahre kamen der Partei durchaus gelegen. Sie organisierte Streiks und Demonstrationen und errichtete Sowjets, sah sich aber angesichts der Unterdrückung durch die Franzosen und die Inhaftierung und Hinrichtung zahlreicher ihrer Führer bald zu einem vorsichtigeren Vorgehen gezwungen. Ihr Ringen um eine geeignete Strategie war auch geprägt durch parteiinterne Spannungen. Angesichts eines fehlenden Industrieproletariats schien es opportun, das ländliche revolutionäre Potenzial zu nutzen und, wie in China, die Inspiration stärker aus den einheimischen Gegebenheiten als den westlichen kommunistischen Theorien zu ziehen. Der Nichtangriffspakt zwischen Nazi-Deutschland und der Sowjetunion im August 1939, der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und die Errichtung der japanischen Kontrolle über weite Teile des Landes bei Aufrechterhaltung der französischen Regierung 1940 sollte zu einer Änderung der Politik der KPI führen. 1941 kehrte Ho Chi Minh nach Nordvietnam zurück, wo die Viet Nam Doc Lap Dong Minh (Vietminh; Liga für die Unabhängigkeit Vietnams) gegründet wurde, die auf eine breite, antikoloniale, anti-japanische Front abzielte und die kommunistischen Ziele vorerst zugunsten nationalistischer zurückstellte.
Sowohl in Kambodscha als auch in Laos blieben die Proteste gegen die französische Fremdherrschaft in der Zwischenkriegszeit beschränkt. Angesichts der geringen Ressourcen verzichteten die Franzosen auf eine zu starke Einflussnahme. Im Vergleich zu den Vietnamesen und den Thais, die seit langem Gebietsansprüche stellten und auch durchsetzen konnten, sahen die Einheimischen in ihnen das geringere Übel, war ja die realistische Alternative zum französischen Kolonialismus für Kambodscha und Laos die Beherrschung durch die Nachbarländer. Das bedeutete zwar nicht eine protestlose Hinnahme aller französischen Maßnahmen, führte aber dennoch zu einem verzögerten Aufkommen eines anti-kolonialen Nationalismus.

Malaya
Eine im Vergleich zum übrigen Südostasien verzögerte Entwicklung war auch in Malaya zu beobachten. Die florierende Exportindustrie basierte auf der massiven Zuwanderung aus China und Indien. Entsprechend weniger dringlich war die Heranbildung einer indigenen Bildungsschicht für Wirtschaft und Verwaltung. Die modernistischen Reformen vor 1940 konzentrierten sich zu einem guten Teil auf die Religion. Zudem verfolgten die Briten seit den 20er-Jahren eine durchaus promalayische Politik, die den Unmut der einheimischen Bevölkerung auf die Zuwanderer aus Asien richtete. Zu Ende der 30er-Jahre war jedoch der soziale Friede gefährdet. Streiks, Arbeiterunruhen und eine militante anti-japanische Agitation seitens der Chinesen, die sich angesichts des japanischen Einmarsches in die Mandschurei verstärkt der 1930 gegründeten kommunistischen Partei anschlossen, bestimmten die Tagesordnung. Die 1938 geschaffene Kesatuan Melayu Muda (Malayische Jugendvereinigung) versuchte vor allem in der Unterschicht nationalistische Gefühle zu schüren und legte somit den Grundstein für den Widerstand gegen die Briten nach dem Zweiten Weltkrieg (Kratoska/Batson 1992:303).

Siam/Thailand
Wenngleich Siam nie formal kolonialisiert wurde, so entwickelte sich hier schon im 19. Jahrhundert ein "moderner" Nationalismus als Antwort auf die äußere Bedrohung. Nicht nur die Zerstörung Ayutthayas durch die Birmesen 1767 sollte im Bewusstsein der Bevölkerung weiterleben. Siam konnte seine formale Unabhängigkeit nur durch erhebliche Gebietsabtretungen und Konzessionen an die Briten und Franzosen wahren, akzeptierte europäische und US-amerikanische Berater in Schlüsselpositionen und fiel de facto in den britischen Einflussbereich.
Die erheblichen Modernisierungen und die wirtschaftliche Prosperität des Landes brachten bald eine westlich gebildete und beeinflusste Elite hervor, die den königlichen Absolutismus in Frage zu stellen begann. Schon 1912 hatten Militärangehörige und Zivilisten einen Versuch unternommen, König Vajiravudh (Rama VI, 1910-1925) zu stürzen, der in der Folge die Monarchie mit Nationalismus gleichsetzte und den Slogan "Nation, Religion, König" zur Staatsdoktrin erhob. Aufhalten konnte er die Entwicklung damit nicht. Im Juni 1932 beendete die Volkspartei, eine Gruppe aus westlich gebildeten liberalen Zivilisten und konservativen Militärs, die absolute Herrschaft seines Nachfolgers Prajadhipok (Rama VII, 1925-1935). Eine Verfassung, die praktisch bis 1946 in Kraft war, führte die konstitutionelle Monarchie nach britischem Vorbild ein. Die Macht des Königs wurde damit massiv beschnitten. Eine radikale Politik, wie sie Pridi Phanomyong, der erste Premierminister nach dem Coup, vorschlug, wurde von den konservativen Mitgliedern der neuen Regierungselite verhindert. Als er 1933 seinen Wirtschaftsplan vorlegte, der eine zentralisierte Wirtschaftsplanung und die Verstaatlichung großer Bereiche der Wirtschaft vorsah, wurde er als Kommunist gebrandmarkt und ins Exil geschickt.
In der Folge wurde eine konservative konstitutionelle Regierung unter Phraya Phahon errichtet. Die Macht wanderte jedoch immer stärker zum radikalen Phibun Songkhram, der Phahon 1938 als Premierminister ablöste und einen Rechtsruck in der Regierung einleitete. Die Einführung des Konstitutionalismus hatte wenig Auswirkung auf die politische Partizipation. Politik wurde zu einem Kampf um Ämter und Patronage. Die Macht lag weiterhin bei der Elite. Ihre Mittel änderten sich kaum. Insgesamt war die Politik in den späten 30er-Jahren gekennzeichnet durch Ultranationalismus, Militarismus, religiösen Revivalismus und Führerkult.
Phibun orientierte sich durchaus am faschistischen Modell. Er begann eine militante antichinesische und antiwestliche Kampagne und stärkte den japanischen Einfluss als Gegenpol zum britischen. Um seine Position als oberster Führer und Pionier einer modernen Gesellschaft und seine nationalistische Ausrichtung zu unterstreichen, modernisierte er die Thai-Sprache und führte Bekleidungsvorschriften ein. 1939 wurde Siam in Thailand umbenannt. Der Buddhismus wurde unter den Schutz der Regierung gestellt und erheblich gefördert. Gleichzeitig sollte das Militär von Phibuns Politik profitieren. In Vorbereitung auf einen aktiven Expansionismus, der auf die Wiedergewinnung der an andere Nationen verlorenen Gebiete und Völker abzielte, wurde das Militärbudget erheblich erhöht und durch eine staatlich geförderte Industrialisierung die Autarkie in der grundlegenden militärischen Ausrüstung zu erreichen versucht. 1940 griff Thailand Indochina an, nachdem ihm Frankreich, das sich inzwischen im Krieg befand, die Rückgabe von Territorien in Laos und Kambodscha verweigert hatte, und konnte aufgrund der japanischen Intervention erhebliche Gebiete westlich des Mekong sowie die kambodschanischen Provinzen Battambang und Siem Reap erobern. Im Dezember 1941 landeten die Japaner in Thailand, dessen Regierung mit Tokio einen zehnjährigen Bündnisvertrag schloss und schließlich 1942 gegen die USA und Großbritannien in den Krieg eintrat (Stearn 1997:144ff).

Zusammenfassung

Hatte die Zwischenkriegszeit in Südostasien auch vielversprechend begonnen, so sollten sich die 20er- und 30er-Jahre doch als Jahre der Unsicherheit erweisen. Diese äußerte sich sowohl auf wirtschaftlichem, sozialem und politischem Gebiet. Den frühen Boomjahren folgte die Weltwirtschaftskrise. Auch wenn Teile der indigenen Gesellschaft sowohl kurz- als auch längerfristig vom materiellen Wohlstand profitieren konnten, war die Mehrheit der Südostasiaten bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs arm. Die sozialen Ungleichheiten hatten sich verschärft. Das westlich inspirierte Wirtschaftswachstum hatte keine fundamentalen Strukturveränderungen für die Wirtschaft und Gesellschaft der Region gebracht. Der koloniale Produktionsstil war auf westlichen Gewinn ausgerichtet und nicht auf eine nachhaltige Entwicklung und eine unabhängige Zukunft der indigenen Bevölkerung.
Der langsame, aber wichtige Ausbau der Bildung hatte das Bewusstsein weiter Kreise verändert und in der Folge zu erheblichen Spannungen zwischen Kolonialisierten und Kolonialmächten geführt. Ende der 30er-Jahre war zumindest die Bildungsschicht mit globalen Ereignissen vertraut, wusste um die durch die koloniale Situation verursachte Ungleichbehandlung, aber auch um die Verletzbarkeit der westlichen Mächte. Noch 1940 schien die Aussicht auf Entlassung in die Unabhängigkeit für die meisten südostasiatischen Kolonialstaaten gering. Ende desselben Jahres begann die Eroberung Indochinas durch die Japaner. Bis Mai 1942 konnte Japan ganz Südostasien in seinen Einflussbereich bringen. Trotzdem sollten die Kolonialmächte, unter ihnen vor allem Frankreich und die Niederlande, die Illusion bewahren, ihre Kolonien nach Kriegsende aufrechterhalten zu können.

 

Literatur

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Quelle: Weltregionen 6 - Südostasien. Gesellschaften, Räume und Entwicklung im 20. Jahrhundert. Herausgegeben von Peter Feldbauer, Karl Husa und Rüdiger Korff . Wien: Promedia 2003.
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