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Einleitung

Martina Kaller-Dietrich, Barbara Potthast, Hans Werner Tobler

Quelle: Lateinamerika. Geschichte und Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert. Herausgegeben von Martina Kaller-Dietrich, Barbara Potthast, Hans Werner Tobler. Wien: Promedia 2003.


Eine Gesamtdarstellung zu Lateinamerika im 19. und 20. Jahrhundert steht noch stärker vor dem Problem der Diversität des Kontinents als eine solche für die Kolonialzeit. Denn mit der Unabhängigkeit entfiel die institutionelle Klammer, wie sie durch die spanische bzw. portugiesische Kolonialmacht vorgegeben war. Dennoch gibt es auch danach Gemeinsamkeiten, parallele Verläufe oder auch Sonderentwicklungen, die sich aus den strukturellen Faktoren ableiten lassen. So erfolgte die Unabhängigkeit der meisten ibero-amerikanischen Staaten mit Ausnahme von Kuba und Puerto Rico etwa zum gleichen Zeitpunkt. Die Probleme, die sich aus dem Staats- und Nationsbildungsprozess ergaben, weisen in den unterschiedlichen Staaten viele Ähnlichkeiten auf. Andererseits waren die lateinamerikanischen Staaten bereits zum Zeitpunkt ihrer Konstitution ethnisch, ökonomisch und bis zu einem gewissen Grade auch politisch sehr verschieden, ein Umstand, der die weitere Entwicklung ebenfalls bestimmte. Konkrete Einzelereignisse wie etwa die Mexikanische Revolution oder Persönlichkeiten wie Getúlio Vargas oder Juan Domingo und Eva Perón formten die jeweiligen Staaten in ganz spezifischer Weise. Ein Vergleich der letzten drei Personen ebenso wie derjenige verschiedener revolutionärer Prozesse in Lateinamerika fördert auch wieder Gemeinsamkeiten zutage.
Aus diesen Gründen beabsichtigt der vorliegende Band bewusst keine umfassende Abhandlung der historischen Entwicklung Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert, sondern strebt einen Mittelweg zwischen allgemeiner Orientierung und der Diskussion besonders interessierender Spezialfragen an. Berücksichtigt werden neben politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Fragen auch solche der kulturellen und ethnischen Identität sowie der kulturellen Produktion.

Der erste Beitrag thematisiert die Unabhängigkeitsbewegung und Staatsbildung in Lateinamerika. Renate Pieper folgt dabei der These von David Brading, dass die Wurzeln der Unabhängigkeit Hispanoamerikas bis in die Anfänge der Kolonialzeit zurückreichen, die Independencia also dem kolonialen Projekt dreihundert Jahre gleichsam eingeschrieben war. Die weltweit schwindende Hegemonialstellung Spaniens wurde ab dem 17. Jahrhundert von wirtschaftlichen Eigenständigkeiten und einem steigenden Selbstbewusstsein der inneramerikanischen Eliten begleitet. Erst der völlige Zusammenbruch der Legitimationsfunktion Spaniens, der 1808 mit der Absetzung Ferdinands VII. durch die napoleonischen Truppen erreicht war, erschütterte den Herrschaftsanspruch des Mutterlandes in seinen Grundfesten. Nach der Unabhängigkeit sahen sich die liberalen Kräfte mit den traditionellen konservativen Eliten konfrontiert. Besonders in den urbanen Zentren kam es zu bürgerkriegsartigen Umbrüchen, die erst um 1850 an Bedeutung verloren. In der beschriebenen Entwicklung überwiegt aber die Kontinuität. Mit der Beibehaltung der kolonialen Verwaltungseinheiten in Form von nationalstaatlichen Grenzen, mit der mangelnden sozialen Integration von Indios, Schwarzen und mestizischen Unterschichten in die neuen Gesellschaftsformationen sowie mit dem Fortwirken des Katholizismus als Staatsreligion in allen Verfassungen Spanisch-Amerikas wurden die neuen, unabhängigen Staaten auf den Stützpfeilern des ehemaligen spanischen Weltreichs errichtet.
Die politische Entwicklung dieser Staaten im 20. Jahrhundert zeichnet Hans Jürgen Puhle nach. Die Kriege und Bürgerkriege der Staats- und Nationsbildungsphase waren am Ende des 19. Jahrhunderts in den meisten Staaten Diktaturen gewichen, die unter dem Motto "Ordnung und Fortschritt" die am europäisch-nordamerikanischen Modell orientierte Entwicklung vorantrieben und von einer mehr oder weniger großen Oligarchie beherrscht wurden. Solch exklusionäre Strukturen riefen jedoch gleichzeitig eine Opposition hervor, die eine Beteiligung größerer Kreise an der Macht sowie an der Verteilung der Ressourcen forderte. Auch entwickelten sie andere, zumeist antiimperialistisch ausgerichtete Entwicklungsperspektiven für Lateinamerika. Breitere Partizipation und andere Modelle sozio-ökonomischer Entwicklung sind die großen Forderungen des 20. Jahrhunderts, und sie sollten entweder mit reformerischen oder mit revolutionären Mitteln durchgesetzt werden. Wie Puhle zeigt, ist die Frage nach revolutionärer oder reformerischer Veränderung jedoch zweitrangig. Die Grenzen zwischen beiden Modellen sind fließend. Viel entscheidender ist der ständige Wechsel zwischen verschiedenen Formen demokratischer und diktatorischer Herrschaft, der als eine der Konstanten der politischen Geschichte Lateinamerikas im 20. Jahrhundert erscheint. Am Ende des 20. Jahrhunderts haben sich die Demokratien weitgehend durchgesetzt. Sie sind aber - von wenigen Ausnahmen abgesehen - defizitär und anfällig für neopopulistische Regime, denen jedoch - trotz anderslautender Rhetorik - der revolutionäre Zug und die Entwicklungsperspektive der frühen populistischen Regime weitgehend fehlt.

Fragen der politischen Gewalt greift der Beitrag von Hans Werner Tobler auf. Seit dem frühen 19. Jahrhundert stand der Subkontinent im Ruf, eine besonders gewaltträchtige Region zu sein. Im 19. Jahrhundert war die verbreitete (ländliche) Gewalt allerdings hauptsächlich Konsequenz des verspäteten Staatsbildungsprozesses, während sich im frühen 20. Jahrhundert im Zusammenhang mit der spezifischen Agrarentwicklung bäuerliche Aufstandsgewalt immer mehr ausbreitete und auch große revolutionäre Umbrüche, wie etwa jenen in Mexiko, prägte. Mit dem wirtschaftlich-gesellschaftlichen Wandel im Laufe des 20. Jahrhunderts verloren bäuerliche Aufstände an Bedeutung, während zeitweise städtische Guerrillabewegungen stärker in den Vordergrund traten. Vor allem aber nahm zwischen den 1960er- und 1980er-Jahren die staatliche und parastaatliche Gewalt von oben markant zu, insbesondere in den Militärdiktaturen Süd- und Zentralamerikas, wo die ungezügelte Repression meist wesentlich mehr Opfer forderte als die Aufstandsgewalt von unten. Seit der Redemokratisierung der 1980er- und der 1990er-Jahre scheint die politische Gewalt zwar abzuflauen, sie wird aber zunehmend von einer diffusen sozialen Gewalt abgelöst. In einzelnen Ländern durchdringt sie - besonders drastisch etwa in Kolumbien - immer mehr Lebensbereiche und ist zu einem Alltagsphänomen geworden.

Die wirtschaftliche Entwicklung Lateinamerikas seit der Unabhängigkeit kommt im Beitrag von Walther L. Bernecker zur Sprache. Bis ins letzte Drittel des 19. Jahrhunderts charakterisierte eine ausgeprägte Wachstumsschwäche, ja Stagnation, mehrheitlich die lateinamerikanischen Wirtschaften. Dies lässt sich nicht etwa auf die außenwirtschaftliche Verflechtung des Subkontinents zurückführen, wie die Dependenztheoretiker argumentierten, als vielmehr auf vielfältige, hauptsächlich institutionelle Hindernisse, die in der Kolonialzeit und in den Jahrzehnten nach der Unabhängigkeit ihre Wurzeln hatten. Im frühen 20. Jahrhundert erhielt Lateinamerika im Zeichen des "Wachstums nach außen" zwar starke Wachstumsimpulse, die allerdings in der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre versiegten. Dies leitete eine verstärkte "Entwicklung nach innen" ein, die vor und nach dem Zweiten Weltkrieg in den meisten Ländern in eine beschleunigte Import-Substitutions-Industrialisierung mündete. Seit den 1980er-Jahren wurde der Subkontinent mit neuen Herausforderungen - der Verschuldungskrise, dem Neoliberalismus und der Globalisierung - konfrontiert. Auch im Bereich der Wirtschaft sind in Lateinamerika zu Beginn des 21. Jahrhunderts zahlreiche strukturelle Defizite noch nicht überwunden, die auf die ersten Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit im frühen 19. Jahrhundert zurückverweisen.
Der zeitweise wirtschaftliche Aufschwung, der regional sehr unterschiedlich ausfiel, ist einer der Gründe für die starken Migrationsbewegungen, die Lateinamerika seit der Kolonialzeit auszeichnen. Silke Hensel beschreibt in ihrem Beitrag, wie sich durch die verschiedenen Ströme so genannte hybride Gesellschaften herausgebildet haben, die neben den iberischen je nach Region starke indigene oder afrikanische Elemente aufwiesen. Die Wanderungsbewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts veränderten diese kolonialen Gesellschaften weiter. Hervorzuheben sind zum einen die Masseneinwanderungen in den südlichen Teil des Kontinents, die zwischen 1870 und 1930 ihren Höhepunkt erreichten, zum anderen die interkontinentalen Migrationen, die vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bedeutsam wurden. Hinzu kommt seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert eine Auswanderungsbewegung aus Lateinamerika, vor allem in die USA, in geringerem Maße auch nach Europa. Die Migration sowohl von Europäern und Asiaten nach Lateinamerika als auch von Lateinamerikanern in die USA und nach Europa beruhte allerdings nicht, wie häufig angenommen, allein auf wirtschaftlichen Motiven, sondern vielfach waren politische, ethnische oder auch familiäre Gründe ausschlaggebend. Auch staatliche Programme zur Förderung der Einwanderung, sowohl von Seiten verschiedener lateinamerikanischer Staaten um 1900 als auch von Seiten der USA in den 1940er- und 1950er-Jahren hatten einen nicht unwesentlichen Anteil an dieser Entwicklung. Die Wanderungsbewegungen veränderten aber auch die lateinamerikanischen Gesellschaften und schufen neue ethnische Identitäten, wie diejenige der schwarzen Brasilianer, der Deutsch-Chilenen, der argentinischen "turcos", der asiatischen Peruaner oder der "Hispanics" in den USA.

Demographische Veränderungen, besonders ein schnelles Bevölkerungswachstum bei gebremstem oder regional sehr ungleichgewichtigem wirtschaftlichen Aufschwung führten ebenfalls zu starken Wanderungen vom Land in die Städte, vor allem in die Hauptstädte, die dem Ansturm so vieler Menschen nicht gewachsen waren. Der Metropolisierungsprozess setzte in Lateinamerika bereits im 19. Jahrhundert ein. Damit gilt Lateinamerika heute innerhalb der so genannten Dritten Welt als der am stärksten verstädterte Kontinent. Dieser Prozess, der bis heute anhält, wird im Beitrag von Barbara Potthast geschildert. Sie zeigt, dass die ersten Marginalviertel ebenfalls bereits in dieser Zeit entstanden. Das ausgehende 19. und beginnende 20. Jahrhundert waren allerdings gleichzeitig diejenige Epoche, in der die lateinamerikanischen Städte nach europäischen Vorbildern grundlegend umgestaltet wurden. Industrialisierung und Metropolisierung veränderten zugleich durch die Entstehung von Industriearbeiterschaften und städtischen Mittelschichten sowie durch deren zunehmende Partizipation an der öffentlichen Diskussion das soziale Gefüge. Dies wird unter anderem an der Entstehung von Frauenbewegungen vornehmlich in denjenigen Ländern deutlich, in denen auch der Modernisierungs- und Metropolisierungsprozess rasch voranschritt, und die über ein relativ gutes Bildungssystem verfügen. Doch überwiegen heute, wie auch um 1900, in der öffentlichen Wahrnehmung eher die sozialen, ökologischen und gesundheitlichen Probleme, die das unkontrollierte Wachstum der lateinamerikanischen Großstädte mit sich gebracht hat, so dass sich heute wie damals die Reichen aus den Zentren der Städte in abgeschottete "Wohlstandsenklaven" am Stadtrand oder im Umland zurückziehen. Die soziale Fragmentierung der lateinamerikanischen Gesellschaften spiegelt sich somit in der räumlichen Gestaltung der Städte wider.

Mit der schwierigen Suche nach einer eigenen (kontinentalen) Identität Lateinamerikas befasst sich der Beitrag von Bernd Hausberger. Anders als im Norden Amerikas, d.h. in den USA, kam es im Süden weder zu einem gemeinsamen lateinamerikanischen Staat noch zu einer engen wirtschaftlichen Integration. Dennoch war die Suche nach einer die einzelnen Staaten und Regionen übergreifenden, gemeinsamen Identität seit der Unabhängigkeit stets lebendig. Vor dem Hintergrund der ausgeprägten Vielfalt Lateinamerikas erörtert Hausberger die verschiedenen Identitätsoptionen und zeigt auf, wie im Laufe des 19. Jahrhunderts die Konzepte einer kontinentalen Einheit - die Latinität, der Panamerikanismus und der Hispanismus - hauptsächlich von außen kamen. Im 20. Jahrhundert gewannen die lateinamerikanischen Selbstdeutungen an Gewicht. Phänomene wie der Indigenismo oder die mestizaje wurden als spezifische, identitätsstiftende Faktoren ins Blickfeld gerückt; nach dem Zweiten Weltkrieg wurden aber auch im lateinamerikanischen (Wirtschafts-)Nationalismus, dem tercermundismo und der regionalen Wirtschaftsintegration Elemente einer gemeinsamen Position Lateinamerikas (vor allem gegenüber den USA) diagnostiziert.

Das durch Dominanz der USA über Lateinamerika geprägte Verhältnis zwischen dem Norden und dem Süden Amerikas ist Gegenstand des Beitrags von Wolfgang Dietrich. Während sich die äußeren Formen dieser Dominanz im Laufe des 20. Jahrhunderts veränderten - tendenziell von militärischen hin zu politischen und vor allem wirtschaftlichen Beherrschungsstrategien -, blieb der Kern der US-amerikanischen Prädominanz über den amerikanischen Doppelkontinent stets erhalten. Dietrich untersucht diese Entwicklung unter Verwendung der Galtung'schen Begriffe der "Tiefenstruktur" und "Tiefenkultur" sowie unter Bezug auf die Weltsystemanalyse Wallersteins. Eine ausführliche Behandlung erfahren die verschiedenen wirtschaftlichen Integrationsprojekte nach dem Zweiten Weltkrieg, die einerseits von den USA unter dem Banner des "Panamerikanismus" als "innerhemisphärisches Herrschaftsprojekt" (von der NAFTA bis zur FTAA) konzipiert und bis zum Ende des Jahrhunderts schrittweise realisiert wurden und die andererseits von den Lateinamerikanern als "emanzipatorische Initiativen" (von der CEPAL bis zum MERCOSUR) dem nordamerikanischen Vormachtsanspruch entgegengesetzt wurden. Auch diese Letzteren vermochten keine grundlegenden Korrekturen in der Asymmetrie des Machtverhältnisses zwischen den USA und Lateinamerika herbeizuführen.
In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts entstand eine neue politische Sichtbarkeit der indigenen Bevölkerungsgruppen in Lateinamerika. Indianische Bewegungen machten eine ursprünglich koloniale Alteritätsbeziehung innerhalb der lateinamerikanischen Gesellschaften zur Ausgangslage ihrer politischen Projekte, nachdem das Staatsdenken der unabhängig gewordenen Nationen im 19. Jahrhundert unter dem Einfluss liberalen Gedankenguts die "rassisch" ununterschiedene Gleichheit aller Bürger postuliert und Indigenismen im 20. Jahrhundert in zahlreichen Ländern mit bedeutenden indigenen Bevölkerungsanteilen lange Zeit vor allem die Integration der indígenas in einen insgesamt kulturell homogen vorgestellten mestizischen Nationalstaat verfolgt hatten - neben der ebenfalls betriebenen Exaltierung des historischen Erbes der vorspanischen Völker zur nationalen Identitätsstiftung. Stephan Scheuzger beleuchtet die (Re)Konstruktion und die Politisierung ethnischer Identitäten und Grenzen. Er fragt nach den strukturellen Ursachen und zeitgenössischen Zusammenhängen und umreißt die zentralen Forderungen der indigenen Organisationen. Die rezenten ethnischen Bewegungen stellen sich in dieser historisierenden Analyse keineswegs als anachronistische Widerstände einer vormodernen Welt gegen Modernisierungsprozesse dar, sondern vielmehr gerade als Phänomene einer lateinamerikanischen Moderne.

Lateinamerika war und ist ein katholischer Kontinent. Gerhard Kruip weist in seinem Beitrag über Kirchen und Religionen in Lateinamerika in einem historischen Überblick darauf hin, dass dieser Katholizismus weder als Kopie europäischer Frömmigkeitsformen noch als religiöses Monopol zu verstehen ist. Es entwickelten sich in Lateinamerika vielmehr unterschiedliche Katholizismen, die zunächst in synkretistischen Praktiken den eroberten Völkern Möglichkeiten boten, ihre eigene Religiosität in neuen Verbindungen von Bedeutungen und Symbolen weiterzuleben. In der jüngeren Vergangenheit galt das europäische Interesse am Katholizismus in Lateinamerika vor allem der Theologie der Befreiung. Der Autor unternimmt eine Bestandsaufnahme der Befreiungstheologie nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus in Osteuropa und der Sowjetunion und konstatiert ihre Ausdifferenzierung - auch in ihrer "Option für die Armen". Zentrale Inhalte der Theologie der Befreiung existieren in der allgemeinen christlichen Theorie und Praxis Lateinamerikas einflussreich fort, indes mittlerweile losgelöst von ihrem angestammten Etikett. Die katholische Kirche hat aber in Lateinamerika in den vergangenen Jahren in teilweise empfindlichem Umfang Gläubige an protestantische Bekenntnisse verloren, namentlich an pfingstkirchliche Gruppen. Bei allem wachsenden religiösen Pluralismus lässt sich indes konfessionsübergreifend eine Tendenz zur Retraditionalisierung beobachten. Die anhaltend prominente politische Rolle der katholischen Kirche in Lateinamerika an der Schwelle zum 21. Jahrhundert und ihre zivilgesellschaftliche Bedeutung werden abschließend anhand der beiden Länderbeispiele Bolivien und Mexiko vorgeführt.

Veränderungen in religiösen Orientierungen weisen auf einen Wandel der Öffentlichkeit und der Mentalitäten hin, die sich in verschiedenen Bereichen offenbaren und durch technische Neuerungen wie Rundfunk und Fernsehen unterstützt werden. Die Dekaden nach der Weltwirtschaftskrise führten neue Politikerpersönlichkeiten aufs politische Parkett, die wohl bekanntesten unter ihnen waren Getúlio Vargas in Brasilien und Juan Perón mit seiner Frau Evita in Argentinien. Im Populismus, im Mythos und in der massenmedialen Inszenierung der Macht stand keiner dem anderen nach. Im Gegenteil, der Vergleich von Vargas und Perón mit Evita, den Ursula Prutsch anstellt, lässt viele Parallelen erkennen. Beide Politiker erkannten in der Produktion von Stereotypen der Massenkultur ein zentrales Feld der Politik. Radiosendungen und Filme dienten als Vehikel der Propaganda und der Modellierung einer "cultura popular". Im Zentrum der ständigen Berichterstattung stand die paternalistische Güte der Präsidenten. Im Falle Peróns galt die öffentliche Aufmerksamkeit zusätzlich dem sozialen Engagement der Präsidentengattin. Während die Peróns sich mit massiven Gegnern von den argentinischen Linken bis zur US-amerikanischen Außenpolitik konfrontiert sahen, galt Vargas als Lieblingskind der USA und Garant für deren Wirtschaftsinteressen in Südamerika. Dies erklärt, warum Vargas' mediale Propagandafeldzüge auch von der einflussreichen Rockefeller-Foundation unterstützt wurden.

Neben Radio und Fernsehen spielt der Film in Lateinamerika im 20. Jahrhundert eine bedeutende Rolle. Während die Literatur Lateinamerikas in den Jahren des so genannten Booms der 1960er- und 1970er-Jahre weltweite Beachtung fand, ist dieses audiovisuelle Medium, das gerade in weniger alphabetisierten Gesellschaften von großer Bedeutung ist, von wenigen Ausnahmen abgesehen, noch nicht näher in das Blickfeld der sozio-kulturellen Forschung geraten. Mehrere lateinamerikanische Länder verfügen inzwischen über eine relativ breite und qualitativ hochwertige Filmproduktion. Diese erreicht allerdings erst dann ein internationales Publikum, wenn ausländische Regisseure sie für dessen Geschmack und kulturellen Horizont aufbereiten, wie Claudius Armbruster in seinem Beitrag darlegt. Andererseits waren es ebenfalls ausländische Regisseure, die als erste Themen wie Ausbeutung und Gewalt in den lateinamerikanischen Gesellschaften in ihren Filmen abgebildet haben. Sie greifen dabei oft auf ein schriftliches "Erzählreservoir" zurück, das wiederum von der Verfilmung profitiert und verändert wird, wie sich an dem aktuellen Beispiel des Films Cidade de Deus / City of God zeigen lässt. Die Orientierung am Markt hat die lateinamerikanischen Filme, aber auch ihre Literatur, verändert. Der Globalisierungsprozess hat auch vor der lateinamerikanischen Kultur nicht Halt gemacht, ihr aber auch neue Chancen und ein breiteres Publikum eröffnet. Die Intermedialität der literarischen und filmischen Produktion zeugt aber auch von einer hybriden Kultur, wie sie für andere gesellschaftliche Bereiche in Lateinamerika ebenfalls zutrifft.

Martina Kaller-Dietrich, Barbara Potthast, Hans Werner Tobler, Herbst 2003


Quelle: Lateinamerika. Geschichte und Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert. Herausgegeben von Martina Kaller-Dietrich, Barbara Potthast, Hans Werner Tobler. Wien: Promedia 2003.
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