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Politik und Gewalt. Bauernaufstände, Revolutionen und staatliche Gewalt von oben

Hans Werner Tobler

Quelle: Lateinamerika. Geschichte und Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert. Herausgegeben von Martina Kaller-Dietrich, Barbara Potthast, Hans Werner Tobler. Wien: Promedia 2003.

Die Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert scheint in besonders hohem Maße durch das Phänomen der Gewalt geprägt worden zu sein. Schon im 19. Jahrhundert gehörten z.B. Berichte europäischer und nordamerikanischer Reisender über verbreitete Gewalttätigkeit, Gesetzlosigkeit und endemischen Banditismus in den jungen Staaten Lateinamerikas zur Tagesordnung. Im 20. Jahrhundert prägten zahlreiche Revolutionen, Bauernaufstände und Guerrillabewegungen, aber auch häufige Militärrebellionen und Gewaltexzesse mancher Staaten das Bild einer außerordentlich hohen Gewaltintensität in dieser Region.

Rückt man diese Erscheinungen allerdings in eine überregionale oder gar globale Perspektive, so werden die scheinbaren Besonderheiten und Dimensionen der lateinamerikanischen Violenz deutlich relativiert. Jedenfalls lassen sich diese kaum auf eine angeblich besonders ausgeprägte Disposition der Lateinamerikaner zur Gewalt oder gar eine besonders gewaltträchtige spanische Kolonialtradition zurückführen. Die verbreitete Gewalt in den jungen Staaten Lateinamerikas, im ersten halben Jahrhundert nach der Independencia, war vielmehr Ausfluss eines nur unvollständigen oder gescheiterten Staatsbildungsprozesses, der vornehmlich auf strukturelle Gegebenheiten der späten Kolonialzeit und auf die besonderen Verlaufsformen und Auswirkungen der lateinamerikanischen Unabhängigkeitsbewegungen zurückzuführen war. Die lateinamerikanische Gewalt im 20. Jahrhundert wiederum verblasst angesichts der neuartigen Gewaltexzesse dieses Jahrhunderts in anderen Weltregionen, wenn man an die Massenvernichtungen und Genozide, aber auch an die Verwüstungen des modernen "totalen Kriegs" denkt.

Dennoch wäre es verfehlt, die Bedeutung der Gewaltproblematik in der ferneren und jüngeren Geschichte Lateinamerikas als gering einzuschätzen. In unterschiedlichen Formen war Gewalt stets gegenwärtig, sei es in Form politischer Gewalt von "unten" oder von "oben", diffuser sozialer Gewalt oder - bis in die Gegenwart - einer schon "alltäglich" gewordenen Gewalt, wie sie seit Jahren etwa in einem Land wie Kolumbien grassiert.

Einige Aspekte dieser lateinamerikanischen Gewalttradition seit dem frühen 19. Jahrhundert seien im Folgenden knapp umrissen.

Aspekte politischer Gewalt im 19. Jahrhundert

Wie bereits angedeutet, legen zahlreiche Berichte europäischer und nordamerikanischer Reisender in die jungen lateinamerikanischen Staaten des frühen 19. Jahrhunderts beredtes Zeugnis von den vielfältigen Formen der Gewalt im damaligen Lateinamerika ab. Die gewaltsamen Auseinandersetzungen rivalisierender Faktionen um die Macht in den neu entstandenen Staaten, das Auftreten mächtiger caudillos auf der historischen Bühne Lateinamerikas, die unzähligen militärischen Staatsstreiche, die blutigen Kämpfe zwischen verschiedenen Regionen eines Landes, die ethnisch, sozial oder politisch bedingten Volksaufstände und schließlich der in einigen Gebieten endemische Banditismus illustrieren jene vielfältigen Facetten des lateinamerikanischen Gewaltphänomens, wie es um die Mitte des 19. Jahrhunderts für viele Länder im südlichen Amerika (mit teilweiser Ausnahme Brasiliens) charakteristisch war. Hauptursache dieser Entwicklung war der gescheiterte oder unvollständige Staatsbildungsprozess im Gefolge der Independencia und der Auflösung der ehemaligen kolonialen Staatsordnung. Insbesondere gelang es den meisten unabhängigen Staaten nicht, das Gewaltmonopol zu erringen und das neue Staatsterritorium unter die tatsächliche Kontrolle der jeweiligen Zentralregierung zu bringen. In markantem Gegensatz zu den jungen USA, die nach dem Unabhängigkeitskrieg gegen Großbritannien aus den aufständischen 13 Atlantikkolonien einen funktionsfähigen Bundesstaat zu schmieden vermochten, waren die neuen lateinamerikanischen Staaten bis über die Jahrhundertmitte durch eine chronische Schwäche und Instabilität - den eigentlichen Nährboden für die erwähnten Gewaltphänomene - gekennzeichnet.

Auf die vielfältigen Ursachen, die diesen Entwicklungen im Unterschied zu jenen in den ehemals britischen Kolonien Nordamerikas zugrunde lagen, kann an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden; festzuhalten bleibt allerdings, dass sie spezifischen internen und externen Konstellationen der späten Kolonialzeit, der Unabhängigkeitsperiode und der ersten Jahrzehnte nach der Independencia entsprangen (Tobler 2000).

Seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts begannen sich die bislang ungünstigen, allgemeinen Voraussetzungen für die Staatsbildung in Lateinamerika allerdings allmählich zu verändern, mit dem Ergebnis, dass sich die Zentralstaaten sukzessive konsolidieren konnten. Begleitet war dieser Prozess von einer soziopolitischen Befriedung, die einerseits Voraussetzung, andererseits aber auch Konsequenz der Stärkung des Staates war und die zwar nicht zum Verschwinden, wohl aber zu einer deutlichen Zurückdämmung jener Gewalterscheinungen führte, wie sie bis dahin Lateinamerika charakterisiert hatten. Interessanterweise setzten staatliche Konsolidierung und gesellschaftliche Pazifizierung übrigens zu einem Zeitpunkt ein, da im Norden Amerikas die Intensität politischer und gesellschaftlicher Gewalt markant zunahm: im Civil War von 1861/65, mit seinen in der Schlussphase überaus gewalttätigen Auswirkungen, in den blutigen Indian Wars und dem späteren Auftreten gewalttätiger Organisationen, wie etwa jener des Ku-Klux-Klans.

Die Entwicklung Lateinamerikas im 19. Jahrhundert sei kurz am Beispiel Mexikos illustriert. Bis über die Jahrhundertmitte stellte Mexiko einen Herd chronischer politischer Instabilität dar. Eine Militärrevolte folgte auf die andere. In weiten ländlichen Regionen war das Bandenunwesen endemisch; ein blutiger Indioaufstand, die "guerra de castas", suchte in den 1840er- und 1850er-Jahren Yucatán heim, aufständische campesinos attackierten benachbarte Haciendas und im Norden des Landes bewirkten häufige Apacheneinfälle die Entstehung von Siedlermilizen, die eine eigene Gewaltkultur, nicht unähnlich jener an der nordamerikanischen frontier, hervorbrachten.

Auch in Mexiko setzte im späten 19. Jahrhundert eine nachhaltige Stärkung des Zentralstaates ein. Einerseits war diese Entwicklung auf innermexikanische Faktoren - die Reformbewegung der 50er-Jahre und ihre Folgen - zurückzuführen, andererseits, wie im übrigen Lateinamerika, auf exogene Einflüsse, d.h. die zunehmende wirtschaftliche Integration des Landes in den Weltmarkt. Mit der Zunahme des Außenhandels und dem Einsetzen von Auslandsinvestitionen flossen dem mexikanischen Staat neue finanzielle Mittel zu, die u.a. in die Modernisierung der Infrastruktur und den Ausbau des administrativen Apparates investiert wurden. Unter der Herrschaft des Generals Porfirio Díaz (1876-1911) setzte so eine markante Konsolidierung des Nationalstaates ein, die von einer nachhaltigen gesellschaftlichen Pazifizierung - der Pax Porfiriana - begleitet war, die u.a. durch die wirksamere Banditenbekämpfung durch die neu geschaffene nationale Polizeitruppe der rurales erreicht wurde (Tobler 1984; Vanderwood l992).

Mit der Konsolidierung des mexikanischen Staates im späten 19. Jahrhundert, der einsetzenden wirtschaftlichen Modernisierung und den damit verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen erfolgte auch ein gewisser Wandel in den vorherrschenden Gewaltmustern. Die bis in die 1860er-Jahre besonders verbreiteten Gewalterscheinungen, wie etwa das Bandenunwesen, konnten nun dank verbesserter Infrastruktur (Eisenbahnen, Telegraf) und neuer Polizeikräfte (rurales) wirksamer bekämpft werden; ähnlich verloren die mit der Institution der caudillos verbundenen Formen der Gewalt immer mehr in dem Maße an Bedeutung, als den "klassischen" caudillos durch die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Modernisierung des Landes zunehmend der Nährboden entzogen wurde.
Während der politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Wandel also gewisse traditionelle Gewaltformen zurückdrängte, bewirkte er gleichzeitig neue Formen der Gewalt. In gewissem Sinne kann man in diesem Formenwandel eine Parallele zu jenem sequenziellen Ablaufmuster sehen, das etwa Charles Tilly im Wandel kollektiver Protest- und Gewaltformen in Europa unter dem Einfluss grundlegender wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Veränderungen, wie etwa der Industrialisierung und Urbanisierung, erkannte (Tilly 1972). Am augenfälligsten in dieser Hinsicht war in Mexiko der Wandel bäuerlicher Gewalt im Laufe des 19. Jahrhunderts. Während im frühen 19. Jahrhundert Bauern unter Ausnützung der staatlichen Schwäche häufig von sich aus, also durchaus offensiv, benachbarte Haciendas oder lokale Staatsorgane angriffen, war ihr Protest- und Gewaltverhalten gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein vornehmlich reaktiv-defensives. Im Verlauf des späten 19. Jahrhunderts hatte eben nicht nur der Staat erheblich an Stärke gewonnen; mit der zunehmenden Kommerzialisierung und Modernisierung der Landwirtschaft versuchten auch die Großgrundbesitzer ihr Land in die angestammten Domänen der Kleinbauern auszudehnen und bedrohten so deren traditionelle Lebensformen.

Während die bäuerlichen Proteste gegen die Expansion der Haciendas bis zum Ende des Díaz-Regimes (1910/11) noch in überwiegend legalen Formen erfolgten, griffen die Bauern nach dem Sturz von Díaz vermehrt zu den Waffen, um ihre Anliegen gewaltsam durchzusetzen. Bereits die erste große Revolution Lateinamerikas im 20. Jahrhundert, die mexikanische, erhielt so von Anfang an einen stark bäuerlichen Anstrich, ein Merkmal, das, gemäß dem Titel der bekannten Studie von Eric Wolf - Peasant Wars of the Twentieth Century - für gewaltsame politisch-gesellschaftliche Umwälzungen in zahlreichen, noch vornehmlich agrarischen Ländern der weltwirtschaftlichen "Peripherie" in diesem Jahrhundert prägend werden sollte (Wolf 1969).


Ländlich-bäuerliche Aufstände und Revolutionen im frühen 20. Jahrhundert

Bis weit über die Mitte des 20. Jahrhunderts sollten Bauernaufstände und bewaffnete Bauernbewegungen eine zentrale Rolle in den revolutionären Umwälzungen und antikolonialen Befreiungskriegen dieser Periode spielen. Auch dort, wo revolutionäre Bewegungen oder antikoloniale Aufstände von nicht bäuerlichen Kadern angeführt wurden, und letztlich andere Ziele als bäuerlich-agrarische im Vordergrund standen, kam bäuerlicher Gewaltbereitschaft und bäuerlichem Aufstandsverhalten meist eine Schlüsselrolle zu. Dies lässt sich im lateinamerikanischen Kontext wiederum besonders deutlich am Beispiel Mexikos in der Revolutionsperiode zwischen 1910 und 1920 aufzeigen. Obwohl Kommerzialisierung und Modernisierung der Landwirtschaft einen allgemeinen Trend in der lateinamerikanischen Entwicklung seit dem späten 19. Jahrhundert darstellten, kam es nur in Mexiko im frühen 20. Jahrhundert zur Ausbildung großer bewaffneter Bauernbewegungen. Dafür verantwortlich waren sowohl strukturelle Gründe als auch prozessuale Faktoren im Verlauf der mexikanischen Revolutionsentwicklung.

Strukturell zeichnete sich die Situation Mexikos dadurch aus, dass hier, im Unterschied zum übrigen Lateinamerika "das enge, antagonistische Nebeneinander von kommerziell orientierten Haciendas, Ranchos und einer bedeutenden, lokal fest verwurzelten Bauernschaft (wie es in Morelos, großen Teilen des zentralen Hochlandes und gewissen Schlüsselregionen des übrigen Mexiko anzutreffen war) charakteristisch und Grundvoraussetzung bäuerlicher Aufstände" war (Knight 1986, I:157).

In besonders ausgeprägtem Maße waren diese strukturellen Voraussetzungen im Zuckeranbaugebiet von Morelos gegeben, und so erstaunt es denn auch nicht, dass diese Region zur Wiege der bedeutendsten Bauernerhebung in der mexikanischen Revolution, jener unter Führung Emiliano Zapatas, werden sollte. Grundlegende Bedeutung kam dabei der Institution des freien Dorfes, dem pueblo libre, zu. Dieses vermochte seinen kleinbäuerlichen Bewohnern, selbst wenn sie wirtschaftlich zunehmend in Abhängigkeit von den Haciendas gerieten, einen Freiraum autonomer Tätigkeit zu bewahren, wie er für die fest auf den Haciendas ansässigen Landarbeiter nicht mehr existierte. Es waren denn auch vornehmlich die in solchen Dörfern lebenden Kleinbauern, die zum Kern der bäuerlichen Aufstandsbewegungen wurden.

Prozessuale Faktoren, d.h. der Verlauf und die Dynamik der Revolution als ganzer, spielten für die Ausbreitung bäuerlicher Aufstände ebenfalls eine zentrale Rolle. Die mexikanische Revolution war ja insgesamt ein sehr komplexes Phänomen, das sich aus ganz unterschiedlichen politischen, gesellschaftlichen und regionalen Kräften und Teilbewegungen zusammensetzte. Bäuerliche Kontingente spielten darin eine unterschiedliche Rolle, sei es in Form weitgehend autonomer, hauptsächlich agrarisch motivierter und auf bäuerliche Reformanliegen ausgerichteter Aufstände, wie im Falle des zapatismo in Morelos und in einigen anderen regionalen Erhebungen, sei es in Form einer eher passiven Eingliederung in vornehmlich nicht-bäuerliche Revolutionsbewegungen, wie in großen Teilen Nordmexikos. In jedem Falle aber spielten Ereignisse und Entwicklungen außerhalb des bäuerlich-agrarischen Bereichs eine wichtige Rolle bei der bäuerlichen Mobilisierung, sei es, dass z.B. die Lockerung des staatlichen Kontroll- und Repressionsapparates am Ende der Díaz-Herrschaft die Bauern von Morelos zu den Waffen im Kampf gegen die Großgrundbesitzer greifen ließ, sei es, dass Bauern ganz allgemein durch die Eigendynamik der Revolution in vielfältigen Formen mobilisiert wurden (Tobler 1984).

Obwohl im Vorfeld und in der Anfangsphase der Revolution auch andere Gewaltformen eine Rolle spielten - z.B. Streikaktionen und deren gewaltsame Unterdrückung oder kleinstädtische Gewaltausbrüche (riots) zu Beginn der Unruhen -, prägten letztlich doch ländlich-bäuerliche Bewegungen den Aufstandscharakter dieser Revolution.
Insbesondere in den "autonomen" Bauernerhebungen nahmen die Aufstände meist die Form eines ländlichen Guerrillakriegs an. Die bäuerlichen Partisanen mussten ihre Waffen von den feindlichen Bundestruppen erbeuten oder auf dem Schwarzmarkt erwerben. Große Teile der zapatistischen Truppen verfügten z.B. anfänglich über gar keine Waffen oder bestenfalls über einige alte Flinten, Pistolen und Macheten. Entscheidend war dabei die unmittelbare Unterstützung durch die lokale Bevölkerung; John Womack hat denn auch die zapatistische Bauernarmee als bewaffneten Arm der vereinigten Dörfer von Morelos bezeichnet (Womack 1969).

Im weiteren Verlauf der Revolution veränderte sich allerdings der Charakter der gewaltsamen Auseinandersetzungen. Im Bürgerkrieg der Jahre 1913/14 entstand insbesondere im Norden Mexikos eine Revolutionsarmee, die sich zunehmend professionalisierte. Möglich wurde diese Entwicklung dadurch, dass die nördlichen Revolutionstruppen unter Pancho Villa und Alváro Obregón in den von ihnen kontrollierten Regionen ein kriegswirtschaftliches System einrichteten, das einen intensiven Handelsaustausch mit den US-amerikanischen Mächten jenseits der Grenze betrieb, was den nördlichen Revolutionstruppen ermöglichte, sich in den USA mit Waffen und übriger Ausrüstung zu versorgen und ihre Soldaten regelmässig zu besolden.
Während sich hier ein Wandel der ursprünglichen, meist spontanen, wirtschaftlich, sozial und politisch motivierten Aufstandsgewalt in "professionalisiertere" Formen militärischer Auseinandersetzungen abzeichnete, was sich auch auf den politischen und gesellschaftlichen Charakter der Revolution auswirken sollte, lässt sich im späteren Verlauf der Bürgerkriege eine weitere Eigendynamik der Revolution beobachten, in der sich Gewalt vollständig von ihren ursprünglichen politisch-gesellschaftlichen Motiven und Zielen loslöste. In einigen Fällen degenerierten aufständische Verbände zu einer Soldateska pur et simple, die plündernd und brandschatzend durch das Land zog und wehrlose Dörfer in Angst und Schrecken versetzte, eine Erfahrung, die später immer wieder auch in mexikanischen Revolutionsromanen literarisch verarbeitet wurde (Daus 1978).

Insgesamt war die mexikanische Revolutionsentwicklung zwischen 1910 und 1920 durch ein außerordentlich hohes Maß an innerstaatlicher Gewaltsamkeit gekennzeichnet, forderten die Revolutionskriege doch Zehntausende von gefallenen und verwundeten Soldaten, wurden Unzählige gewaltsam in die Bürgerkriegsarmeen gepresst und kam es zu verbreiteten Gewalttätigkeiten gegen die Zivilbevölkerung, ganz zu schweigen von der überall praktizierten Zerstörung bzw. gewaltsamen Beschlagnahmung fremden Eigentums.

Angesichts dieser Gewaltbilanz stellt sich natürlich die Frage nach den gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen der blutigen Bürgerkriege auf das spät- und postrevolutionäre System Mexikos nach 1920. Sicherlich besteht kein einfacher Zusammenhang zwischen der Gewaltintensität des Revolutionsjahrzehnts zwischen 1910 und 1920 (wie übrigens auch der zeitlichen Länge und dem Umfang der Massenbeteiligung an den revolutionären Auseinandersetzungen) einerseits und der Tiefe und Reichweite der nachfolgenden politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen andererseits, wie schon ein flüchtiger Vergleich der mexikanischen mit der kubanischen Revolution zeigt. Im Falle Mexikos waren zumindest die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen zunächst recht begrenzt. Erst in der zweiten Hälfte der 30er-Jahre kam es zu recht weitreichenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Reformen, die allerdings ebenso sehr Ergebnis der spezifischen Dynamik des spätrevolutionären Stabilisierungsprozesses wie der Nachwirkungen der eigentlichen Revolutionsphase waren. Eine zentrale Voraussetzung für die Reformen unter Cárdenas (1935-1940) war allerdings in den Revolutionskriegen von 1910 bis 1920 geschaffen worden, nämlich die Zerstörung des alten politischen Systems und insbesondere die Vernichtung der alten Bundesarmee, die in Mexiko - im Unterschied zu den meisten übrigen lateinamerikanischen Staaten - keine Rolle als reformfeindliche Vetomacht mehr spielen konnte.


Gesellschaftlicher Wandel, veränderte Muster politischer Protestgewalt und neuartige Formen staatlicher Gewalt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Bauernaufstände und ländliche Guerrillabewegungen stellten zwar auch außerhalb Mexikos im Laufe des 20. Jahrhunderts noch immer eine wichtige Form der Aufstandsgewalt von unten dar, sie verloren aber im Gefolge des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandels, d.h. der beschleunigten Verstädterung und der Abnahme des ländlich-bäuerlichen Bevölkerungsanteils allmählich an Bedeutung. In den größeren gewaltsamen politischen Umbrüchen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, d.h. in den Revolutionen in Bolivien (1952), Kuba (1959) und Nicaragua (1979) spielten unzufriedene campesinos zwar eine aktive Rolle, ohne dass man hier aber von eigentlichen Bauernerhebungen sprechen könnte. Auch der Aufstand im mexikanischen Chiapas von 1994, der sich explizit auf den legendären, 1919 ermordeten Bauernführer Emiliano Zapata berief, hatte zwar agrarische Motive, war daneben aber auch ein Protest gegen die politischen Verhältnisse, also die lokale Herrschaft des Partido Revolucionario Institucional (PRI) und gegen die ethnische Diskriminierung der Indiobevölkerung dieser Region.

Der wirtschaftlich-gesellschaftliche Wandel des 20. Jahrhunderts äußerte sich nicht zuletzt in den unterschiedlichen äußeren Verlaufsformen der kubanischen Revolution im Vergleich etwa zu jenen der ein halbes Jahrhundert älteren mexikanischen Revolution. Der kubanischen Revolution ging der Massencharakter der mexikanischen weitgehend ab; die Gewaltintensität, gemessen etwa an der Zahl der Opfer, war in Kuba sehr viel geringer, und auch die soziale Zusammensetzung der castristischen "Bewegung des 26. Juli" unterschied sich stark von den mexikanischen Revolutionsbewegungen, insbesondere was den Anteil und die Rolle eigentlicher Bauernbewegungen betraf. Die "Bewegung des 26. Juli", deren Führung mehrheitlich dem urbanen, studentisch-intellektuellen Milieu entstammte, hatte sich zwar in der Sierra Maestra Ende 1956 als ländliche Guerrillatruppe formiert. Aber bis weit ins Jahr 1958 blieb diese Rebellenformation zahlenmäßig ausgesprochen schwach; für die Mitte des Jahres 1958 hat z.B. Boris Goldenberg die Zahl der um Castro gescharten Partisanen lediglich auf etwa 300 geschätzt (Goldenberg 1963).

Eine eigentliche Bauernerhebung stellte die kubanische Revolution, ungeachtet späterer Legendenbildung, jedenfalls keineswegs dar, und die späteren kubanisch bzw. guevaristisch inspirierten Versuche, in Südamerika bäuerlich-ländliche Aufstände auszulösen, scheiterten bekanntlich.

Das abnehmende Gewicht eigentlicher Bauernbewegungen in revolutionären Umbrüchen nach dem Zweiten Weltkrieg war in Lateinamerika Folge jenes wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Wandels, der sowohl unterschiedliche Muster politischer und gesellschaftlicher Gewalt von unten als auch neuartige Formen staatlicher und parastaatlicher Gewalt von oben hervorbrachte. Einsetzende Industrialisierung, Modernisierung der Landwirtschaft, Bevölkerungsdruck, Emigration, Landflucht und beschleunigte Urbanisierung waren Faktoren, die, mit ihrer Tendenz zur Auflösung traditioneller Solidarbeziehungen, natürlich nicht ohne Einfluss auf die Erfolgschancen popularer Aufstandsstrategien blieben, insbesondere des gleichsam "klassischen" Typs bäuerlich-ländlicher Erhebungen. Hinzu kam, dass die lateinamerikanischen Staaten unter dem Einfluss der Polarisierungen des "Kalten Krieges" und mit militärtechnischer Unterstützung durch die regionale Hegemonialmacht, die USA, ihre Sicherheitsapparate in einem Maße ausbauten und professionalisierten, dass sich lokale Aufstände kaum mehr zu regionalen oder gar nationalen Erhebungen ausweiten konnten.

Zwar kam es, wie oben angedeutet, auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch zu gewaltsamen Umstürzen und Bürgerkriegssituationen, die - wie in Kuba, Bolivien, Nicaragua und anderen zentralamerikanischen Staaten - stärker den älteren Formen bewaffneter Konflikte entsprachen. Dennoch zeichnete sich in diesen Jahrzehnten ein Wandel der Konflikt- und Gewaltmuster deutlich ab. Während ländliche Guerrillabewegungen in Südamerika in den 60er- und 70er-Jahren von staatlichen Armee- und Polizeitruppen meist aufgerieben wurden, kam es gleichzeitig zur Ausbildung neuartiger Formen von politischer Gewalt von unten, wie etwa der südamerikanischen Stadt-Guerrilla, als auch - und insbesondere - zu neuen Erscheinungen von staatlicher und parastaatlicher Gewalt von oben.
Das Auftreten der Guerrilla in Argentinien in den 1960er-Jahren, in einem gesellschaftlich als besonders "modern" geltenden Land Lateinamerikas, markierte den Beginn eines neuen Typus einer politischen Gewaltbewegung von unten, die sich nicht nur in ihren Kampfformen veränderte, sich z.B. städtischen Aktionsmilieus anpasste, sondern sich auch in ihrer gesellschaftlichen Zusammensetzung - vornehmlich junge Angehörige der Mittelschicht (zu einem beträchtlichen Teil Studenten und Priester) - deutlich vom sozialen Profil älterer lateinamerikanischer Aufstandsbewegungen abhob (Waldmann 1978).

Die systematische Bekämpfung dieser Guerrilla durch staatliche Sicherheitskräfte und parastaatliche Organisationen, die schließlich in den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren in einen regelrechten "totalen" Krieg nicht nur gegen die Guerrilla, sondern - nach Ansicht kritischer Beobachter - schließlich gegen die argentinische Gesellschaft als ganze ausartete, war Ausfluss einer neuen, umfassenden Repressionsstrategie, die sich nicht nur die argentinische Militärregierung, sondern - in unterschiedlicher Intensität - auch die übrigen Militärregimes in den Staaten des Cono Sur zwischen den 1960er- und den 1980er-Jahren zu Eigen machten (Tobler/Waldmann 1991).

Zwar hatte es schon in früheren Jahrzehnten in Lateinamerika Gewaltexzesse durch staatliche Sicherheitskräfte gegeben. Erinnert sei hier lediglich an das Massaker der Dominikanischen Armee an haitianischen Siedlern im Grenzgebiet der Dominikanischen Republik im Jahre 1937, dem zwischen 10 000 und 20 000 Menschen zum Opfer fielen, und das in großer Heimlichkeit durchgeführt wurde, und an die im Allgemeinen besser bekannte matanza in El Salvador 1932, die als blutige Vergeltung für einen rasch niedergeschlagenen, schlecht koordinierten Bauernaufstand etwa 10 000 Opfer unter der indianischen Bevölkerung, also etwa das Hundertfache der Zahl der Aufstandsopfer, forderte (Anderson 1971).

Von diesen Formen brutaler staatlicher Gewaltanwendung, die auch als eigentliche Ethnozide zur "Lösung" innergesellschaftlicher Konflikte unter dem Einfluss der Weltwirtschaftskrise gedeutet wurden (Suter 1996), unterschied sich die in den jüngeren, "modernen" Militärregimes Südamerikas in den 60er-, 70er- und 80er-Jahren praktizierte staatliche Repression allerdings durch ihren umfassenden, systematisch organisierten und durch Berufung auf die "Doktrin der nationalen Sicherheit" auch ideologisch begründeten Charakter.

Die staatliche Unterdrückungsgewalt während der 1960er- und 80er-Jahre in den südamerikanischen Militärregimes, aber auch in Staaten wie Guatemala und El Salvador, war sowohl in quantitativer als auch in qualitativer Hinsicht eine neuartige Erscheinung. An dieser Stelle soll es genügen, an die Zehntausenden, ja insgesamt wohl weit über 100 000 Ermordeten zu erinnern, die Opfer staatlicher Gewaltexzesse wurden und an die wohl ähnlich hohe Zahl so genannter "Verschwundener", eine Opferbilanz jedenfalls, welche die Opferzahl der mit drakonischen Mitteln bekämpften Guerrillabewegungen und Widerstandsorganisationen bei weitem überstieg. Neuartig in dieser Form war auch das Zusammenwirken von und die Aufgabenteilung zwischen den offiziellen Sicherheitskräften - Armee, Polizei und zunehmend Geheimdiensten - und von diesen ausgerüsteten und protegierten parastaatlichen Tarnorganisationen, die sich jeglicher Verantwortung für ihre Gräueltaten entzogen, sowie die Kombination von öffentlich gemachten Repressionskampagnen gegen die "Subversion" durch die regulären Sicherheitskräfte und die Ausübung staatlichen und parastaatlichen Terrors zur Einschüchterung breiter Bevölkerungsgruppen, die weit über den Kreis möglicher Sympathisanten der Guerrilla hinausreichten.

Insgesamt entstand, besonders ausgeprägt in den Militärregimes Argentiniens und Chiles, ein - wie zu Recht betont worden ist - "seltsam hybrides Verfolgungs- und Repressionssystem", das in mancher Beziehung an jenen "Doppelstaat" erinnert, wie ihn Ernst Fraenkel am Beispiel des "Dritten Reichs" beschrieben hat (Waldmann 1994:83; Fraenkel 1974).

Mit dem Ende der Militärregimes in Südamerika in den 1980er-Jahren und der Beilegung der Bürgerkriege in Zentralamerika sind allerdings auch diese extremen staatlichen Gewaltsysteme überwunden worden. Überhaupt scheint es, dass die im engeren Sinne politische Gewalt insgesamt in der Region seit den 1990er-Jahren tendenziell auf dem Rückzug ist. Heißt dies auch, dass die grundlegenden Ursachen dieser politischen Gewalt in der Vergangenheit - eine einseitig bestimmte Schichten begünstigende wirtschaftliche Entwicklung, krasse soziale Ungleichheiten und politische Marginalisierung breiter Bevölkerungsgruppen - und damit Gewalt überhaupt, heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, ebenfalls am Verschwinden seien?

Ein flüchtiger Blick auf die Gegenwartsrealität Lateinamerikas belehrt uns eines Besseren. Das Abflauen der politischen Gewalt hat nämlich vermehrt den Blick auf jene zwar schon früher existierenden, im Laufe der l990er-Jahre aber immer dominanteren Formen einer weniger polarisierten, dafür stärker diffusen sozialen Gewalt gelenkt, die immer mehr Lebensbereiche durchdringt und sich im dramatischen Anstieg der Kriminalitätsraten und einem allgemeinen Abbau der Sicherheit im Alltag äußert. Kolumbien, ein lateinamerikanisches Land mit einer außergewöhnlich intensiven, säkularen Gewalttradition, mit den gegenwärtig weltweit höchsten Mordraten, ist ein besonders drastisches Beispiel für diese Entwicklung; nicht zufällig hat man hier geradezu eine "Veralltäglichung der Gewalt" diagnostiziert (Waldmann 1997).

Ein Ende der verbreiteten Gewalt in Lateinamerika lässt sich deshalb auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht feststellen. Die äußeren Formen der Gewalt haben sich zwar seit dem 19. Jahrhundert stark verändert, aber auch die gegenwärtige, komplexe Gewaltproblematik bedarf zu ihrer Eindämmung nach wie vor nicht nur tiefgreifender gesellschaftlicher Reformen (also eines Abbaus jener Ungleichheiten, die man auch als "strukturelle" oder "institutionelle" Gewalt bezeichnet hat), sondern vorrangig auch einer weitreichenden Staatsreform (Waldmann 1994). Letzterer wäre aufgetragen, nicht nur das historisch nur unvollkommen verwirklichte Gewaltmonopol des Staates zu vollenden, sondern vor allem auch, im Zuge der gegenwärtigen Demokratisierung, rechtsstaatliche Garantien für den Einsatz dieser Staatsgewalt sicherzustellen.

 

Literatur

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Waldmann, Peter (1978): Ursachen der Guerilla in Argentinien. In: Jahrbuch für Geschichte von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft Lateinamerikas 15: 295-348
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