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Einleitung

Dietmar Rothermund, Susanne Weigelin-Schwiedrzik

Quelle: Der Indische Ozean. Das afro-asiatische Mittelmeer als Kultur- und Wirtschaftsraum. Herausgegeben von Dietmar Rothermund, Susanne Weigelin-Schwiedrzik. Wien: Promedia 2004.


Der Indische Ozean ist seit ältester Zeit ein gewaltiger Kultur- und Wirtschaftsraum, der seine Anrainer auf vielfältige Weise verbindet. Bereits der große französische Historiker Fernand Braudel, der das Mittelmeer als einen solchen Raum dargestellt hat, versuchte den Indischen Ozean ebenfalls der Aufmerksamkeit der Historiker zu empfehlen. In letzter Zeit haben Untersuchungen der Geschichte des Indischen Ozeans weltweit Beachtung gefunden. Es seien hier nur die jüngsten Arbeiten des niederländischen Historikers René Barendse und des australischen Historikers Michael Pearson als Beispiele dafür erwähnt.
Der vorliegende Sammelband, der aus einer Wiener Ringvorlesung des Sommersemesters 2004 hervorgegangen ist, soll einer Einführung in dieses faszinierende Forschungsgebiet dienen, ohne den Anspruch zu erheben, eine Gesamtdarstellung zu sein. Der Indische Ozean wird aus verschiedenen Perspektiven betrachtet, die hier kurz skizziert werden sollen.
Am Anfang stehen zwei Beiträge, die die Perzeption des Indischen Ozeans vom Westen und vom Osten her vor Augen führen. Dietmar Rothermund zeigt, wie sich die Welt dieses Ozeans von der Antike bis zur frühen Neuzeit westlichen Reisenden und Gelehrten erschloss. Der Begriff des "Erithraeischen Meers" spielte dabei eine wichtige Rolle. Er bezog sich anfangs nur auf das Rote Meer und umfasste nach und nach in einem steten Bedeutungswandel den Ozean bis zur Küste Indiens. Europäer und Araber fügten ihre im Laufe der Jahrhunderte gemachten Beobachtungen zu einem eindrucksvollen Bild zusammen. Als dann die Portugiesen versuchten, den großen Ozean ihrer Seemacht zu unterwerfen, hatten sie bereits eine sehr genaue Vorstellung von den strategisch wichtigen Stützpunkten an seinen Küsten, die es zu besetzen galt. Eine ähnliche Entwicklung allmählicher Horizonterweiterung stellt Roderich Ptak aus chinesischer Perspektive dar. Er zeigt, wie der Begriff vom "Südmeer", der sich zunächst auf das Meer vor der chinesischen Küste bezog, einen Bedeutungswandel erlebte und sich auf weite Gebiete des östlichen Indischen Ozeans erstreckte. Noch ehe die Portugiesen im Indischen Ozean erschienen, durchquerten große chinesische Flotten diesen Ozean bis hin zur afrikanischen Küste.
Im Westen des Ozeans waren die arabischen Seefahrer, die ihre Handelsnetzwerke schließlich bis nach Südostasien ausdehnten, von großer Bedeutung. Nach ihrer Bekehrung zum Islam wurden sie dann zu Boten der neuen Religion, die sich auf dem Seeweg noch rascher ausbreitete als durch die Eroberungen islamischer Herrscher in Afrika und auf dem eurasiatischen Kontinent. Ulrike Freitag hat diese Entwicklung anhand ausgewählter Netzwerke arabischer Händler dargestellt. Die Portugiesen verdankten den Arabern viele nautische Kenntnisse, die es ihnen ermöglichten, schließlich selbst den Seeweg nach Indien zu finden, um den arabischen Zwischenhandel auszuschalten. Peter Feldbauer ist den Spuren der Portugiesen gefolgt, die auch für die Niederländer und Briten wegweisend blieben, welche ihre Vorläufer bald übertrafen. Neben Indien war es dabei bald auch Südostasien, das wegen der Vielfalt seiner kostbaren Gewürze die Europäer anzog. Diesem bedeutsamen Grenzbereich des Indischen Ozeans ist der Beitrag von Bernhard Dahm gewidmet.
Während die Seewege im Indischen Ozean lange Zeit nur für Seeleute und Händler von Bedeutung waren, kam es unter kolonialwirtschaftlichem Einfluss zu umfangreichen Wanderungsbewegungen von Arbeitskräften. Die beiden volkreichen Länder Indien und China waren die Ausgangspunkte solcher Wanderungen, die Endpunkte eine Vielzahl von Anrainer-Ländern und Inseln von Afrika bis Malaya. Michael Mann hat die Wanderungen der indischen Arbeitskräfte verfolgt, und Susanne Weigelin-Schwiedrzik in Zusammenarbeit mit Kim Rottenberger-Kwok hat die Wanderungsbewegungen der Chinesen an den Beispielen Südafrika und Indonesien dargestellt. John Fitzgerald beschreibt im Anschluss an diese Migrationsstudien die Reise des chinesischen Intellektuellen Liang Qichao, der in den Jahren 1900-01 Australien bereiste und dort auch die kleinen Gemeinden der Auslandschinesen besuchte.
Für Seefahrer, Händler und wandernde Arbeitskräfte waren die Häfen des Indischen Ozeans wichtige Anlaufstellen. Nur wenige dieser Häfen behielten ihre Bedeutung über die Jahrhunderte hinweg. Viele blühten in einer historischen Periode auf, um schon bald darauf wieder zu vergehen. Erst in neuer Zeit entstanden Hafenmetropolen, die dann auch zu Industriestädten wurden. Heinz Nissel schildert aus der Sicht des Geographen solche Prozesse des Aufstiegs und Niedergangs von Häfen und die Entwicklung der Metropolen am Indischen Ozean. Während bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts die Schifffahrt im Indischen Ozean mit Segelschiffen betrieben wurde, die den Regeln des Monsuns gehorchen mussten, traten dann die Dampfschiffe auf, die zu jeder Jahreszeit den Ozean durchqueren konnten und bald auch eine weit größere Ladekapazität als die Segler aufwiesen. Mit der Eröffnung des Suezkanals wurde dann der Weg zu den europäischen Häfen entscheidend verkürzt und der Indische Ozean sozusagen in das globale Weltmeer eingemeindet. Diese Entwicklung wird von Ravi Ahuja untersucht.
Die Bedeutung Afrikas für den Indischen Ozean wird zwar in vielen dieser Beiträge erwähnt, doch der besonderen Rolle dieses Kontinents sind erst die letzten beiden Beiträge gewidmet. Walter Schicho hat seinen Beitrag den Inseln vor der Küste Afrikas gewidmet. In neuerer Zeit, nachdem die Kolonialmächte Afrika untereinander aufgeteilt hatten, erlangte das nordwestliche Anrainergebiet des Indischen Ozeans wachsende wirtschaftliche und politische Bedeutung. Diesen Aspekt der Geschichte des Indischen Ozeans hat Gerold Krozewski behandelt.
Nach diesen Beiträgen, die auch in der Wiener Ringvorlesung vorgetragen wurden, folgt sozusagen im Anhang eine Betrachtung "Zur Historiographie des Indischen Ozeans". Diese bietet einen Überblick über wichtige Themen der Geschichtsschreibung und weist auch auf weiterführende Literatur hin. Selbstverständlich kann sie nicht eine Gesamtbibliographie ersetzen, die leicht einen separaten Band füllen könnte. Zu speziellen Themen sei auf die Literaturhinweise der einzelnen Beiträge hingewiesen.
Das Mosaik, das diese Beiträge bieten, weist selbstverständlich beträchtliche Lücken auf. Auch wurde die jüngste Entwicklung nicht mehr in den Blick genommen. Vor wenigen Jahren haben sich 19 Anrainerstaaten des Indischen Ozeans von Kenia bis Australien zu einer Organisation (Indian Ocean Rim Association for Regional Cooperation) zusammengefunden. Doch ist dies bisher nur eine Geste geblieben, die kaum praktische Konsequenzen gehabt hat. Nach dem Ende des Kalten Krieges, der eine Zeit lang eine gemeinsame Sicherheitspolitik der Anrainerstaaten nahe gelegt hatte, ist die Wahrnehmung der Interessen der Anrainerstaaten nicht mehr als dringlich empfunden worden. Doch dieser Ozean, an dessen Ufern ein großer Teil der Menschheit lebt, wird auch in Zukunft globale Aufmerksamkeit verdienen.

Dietmar Rothermund, Susanne Weigelin-Schwiedrzik, Frühjahr 2004


Quelle: Der Indische Ozean. Das afro-asiatische Mittelmeer als Kultur- und Wirtschaftsraum. Herausgegeben von Dietmar Rothermund, Susanne Weigelin-Schwiedrzik. Wien: Promedia 2004.
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