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Handel und Herrschaft im Grenzbereich des Indischen Ozeans

Bernhard Dahm

Quelle: Der Indische Ozean. Das afro-asiatische Mittelmeer als Kultur- und Wirtschaftsraum. Herausgegeben von Dietmar Rothermund, Susanne Weigelin-Schwiedrzik. Wien: Promedia 2004.

Diskutiert werden im Folgenden vorkoloniale Entwicklungen im östlichen Grenzbereich des Indischen Ozeans; dazu gehören Sumatra und weitere Teile des an die Straße von Malakka grenzenden westlichen Indonesiens sowie die malaiische Halbinsel. Weiter östlich gelegene Regionen, wie etwa der von China beeinflusste nördliche Teil Vietnams, können in dieser Arbeit somit nicht die ihnen sonst bei einer Diskussion der Geschichte Südostasiens gebührende Aufmerksamkeit finden.

Gesellschaftliche Entwicklungen bis zur Ankunft indischer Händler in der Region

Bei den zu Beginn der christlichen Zeitrechnung sowohl am südostasiatischen Festland wie auch in der indonesischen Inselwelt lebenden Völkern ist zu unterscheiden zwischen den oft auch Brandrodungsbau betreibenden Jägern und Sammlern im Landesinneren und in den Bergregionen, den seit Beginn der Bronzezeit (hier etwa 1500 v.Chr.) entlang von Flüssen oder auf Hochebenen in Siedlungsgemeinschaften sesshaft gewordenen Gruppen, die vorwiegend Nassreisanbau betrieben, und den Siedlern an Flussmündungen, die sich neben der Landwirtschaft auch mit dem in dieser Region besonders einträglichen Fischfang beschäftigten. Gleich, wie sich die Gemeinschaften zusammengefunden hatten, ob sie auf die so genannten "proto-" und "deutero"-malaiischen Wanderungsbewegungen zurückgehen, die angeblich nach 2500 und 1200 v.Chr. in zwei großen Wellen aus dem südchinesischen Raum über Hinterindien in die Inselwelt vorgedrungen sind, oder ob sie in einer eher kontinuierlichen "austronesischen Expansion" von 3000 bis 1000 v.Chr. aus dem gleichen Ursprungsraum ihren Weg über Taiwan und die Philippinen genommen haben, wie es Peter Bellwood (1997:310f) sieht: Einig ist man sich in der neueren Forschung weitgehend, dass die Siedlungen klein und verhältnismäßig isoliert blieben. So schreibt O.W. Wolters (1999:16f):
"The ancient inhabitants of Southeast Asia were living in fairly isolated groups, separated by thick forests, and would have had powerful attachments to their respective localities …The ancient pattern of scattered and isolated settlements at the begin of the Christian era would seem to suggest little prospect that the settlements would generate more extensive contact between themselves. The tempo of communication was probably slow even though linguists have been able to delieneate major and overarching language families …"
Die Sprachfamilie für den Grenzbereich des Indischen Ozeans war die westmalaio-polynesische Untergruppe des im indonesischen Archipel und weit darüber hinaus dominierenden Austronesischen, das mit den austronesischen Wanderungsbewegungen seit etwa 3000 v.Ch. bis in die pazifische Inselwelt verbreitet wurde, während sich in Festland-Südostasien andere Sprachfamilien herausgebildet und bis heute erhalten haben (Nothofer 1999:66ff).

Neben der Zugehörigkeit zur gleichen Sprachgruppe, die wegen lokaler Besonderheiten allerdings oft schon in der unmittelbaren Nachbarschaft einzelner Stammesgemeinschaften zu großen Verständigungsschwierigkeiten führte, waren es vor allem die familiären Bindungen, die den Zusammenhalt der Gemeinschaften garantierten. Dabei wird in der Forschung für die Entwicklungen in der hier diskutierten Region zwischen "unilinealen" Gesellschaften mit festen patrilinearen oder matrilinearen Strukturen und "cognatischen" Gesellschaften mit bilateralen oder noch größeren Familienverbänden unterschieden (Bellwood 1997:142ff). Für den ersten Typus sind z.B. in Sumatra die Batak (patrilineal) oder die Minangkabau (matrilineal) repräsentativ - nicht zuletzt deshalb, weil die historisch gewachsenen und bewährten Strukturen dort bis auf den heutigen Tag fortbestehen. Für die cognatischen Gesellschaften kann auf Beispiele auf der malaiischen Halbinsel und in Nordborneo verwiesen werden, wo zahlreiche nicht miteinander verwandte Familien in den sich oft über mehr als 100 Meter erstreckenden Langhäusern mit einer gemeinsamen Veranda zusammenlebten.
Innerhalb dieser Stammes- und Dorfgemeinschaften bestanden enge Bindungen, weil sie bei der Abwehr natürlicher Feinde und sonstiger Gefahren ausschließlich aufeinander angewiesen waren. In kritischen Lebenslagen verständigte man sich in einem "Ältestenrat" über die dabei von den Vorfahren befolgten Richtlinien und stand allen Versuchen, Neuerungen einzuführen, wegen der noch unabsehbaren Konsequenzen zunächst einmal kritisch gegenüber. Neben dem Geisterglauben war daher der Ahnenkult die vorherrschende Religion bei diesen Gemeinschaften. Sie waren im Wesentlichen demokratisch strukturiert, wenn auch Familien, die ihre Abstammung auf den Gründer der Siedlung zurückführen konnten, an Rang und Status gewisse Vorrechte hatten. Aber diese galten vornehmlich im kultischen Bereich. Aus den von den Alten überlieferten und bewährten Traditionen waren im Laufe der Zeit feste Regeln, die Adat, erwachsen. Diese waren bindende Vorschriften für das Verhalten im familiären, im gesellschaftlichen, im wirtschaftlichen oder im religiös-zeremoniellen Bereich. Diese Adat-Vorschriften waren in unzugänglicheren Gebieten im Landesinneren strikter als in den Küstenregionen. Dort wurden die Dorfgemeinschaften häufiger mit neuen Ideen konfrontiert und hatten oft Ad-hoc-Entscheidungen zu treffen. Dies ist mit darauf zurückzuführen, dass die Malaien erfahrene Seefahrer waren und sich zumindest im indonesischen Archipel gut auskannten. Davon zeugen einmal die weite Verbreitung der aller Wahrscheinlichkeit nach aus Dong Song im nördlichen Vietnam stammenden Bronzetrommeln, die überall in Südostasien bei kultischen Zwecken Verwendung fanden. Nicht weniger als 56 Trommeln wurden alleine in Indonesien gefunden (Bellwood 1997:277ff). Wenn auch nicht auszuschließen ist, dass einige von ihnen dort selbst angefertigt wurden, so widerlegt dies nicht die Annahme, dass sie auf dem Seeweg an die späteren Fundorte transportiert worden sind.

Ein weiteres Indiz für rege Aktivitäten der Seefahrer entlang der Küsten der Inselwelt ist die Tatsache, dass nach Aufkommen des Fernhandels von Persien über Indien nach China fast ausschließlich indonesische Seeleute (k'un-lun) die Schiffe nach dem Passieren der Straße von Malakka in die chinesischen Häfen brachten (Wolters 1967: 199f). Sie hatten große und seetüchtige Schiffe, die nach Beginn der regelmäßigen Handelskontakte offensichtlich von fremden Kaufleuten gechartert wurden und somit den Handel in der Region dominierten (Wolters 1967:153f). Das bedeutet allerdings nicht, dass die Indonesier, wie gelegentlich behauptet, schon in vorchristlicher Zeit als kühne Seefahrer die Weltmeere befahren hätten, und dass sie schon frühzeitig unter Nutzung der Monsun-Winde durch den Indischen Ozean bis an die Westküste Afrikas segelten und somit schon in vorchristlicher Zeit die austronesische Wanderung nach Madagaskar vorangetrieben hätten. Neuere Untersuchungen haben bestätigt, dass diese aus dem indonesischen Raum erfolgte, aber offensichtlich erst in nachchristlicher Zeit, als sich dort schon verbreitet indische Kultureinflüsse durchgesetzt hatten (Bellwood 1997:136, 276).

Wenn man von diesen Aktivitäten der orang laut (wie die Malaien die Seefahrer nennen) hört, könnte man erwarten, dass ihre Kenntnisse und ihr Reichtum sie dazu getrieben hätten, schon vor der Verbreitung indischer Kultureinflüsse alte Gesellschaftsstrukturen aufzubrechen und in der Region mit dem Aufbau eigener Herrschaftssysteme zu beginnen. In den erwähnten Adat-Gemeinschaften im Landesinneren geschah dies nicht. Keinem ihrer Mitglieder war es erlaubt, sich die Rolle eines primus inter pares anzumaßen. Das wurde offensichtlich nur in Kriegszeiten gestattet, wonach die Sondervollmachten wieder an den Ältestenrat zurückfielen, was an ähnliche Regelungen in der römischen Republik erinnert. Das galt auch auch für Familien mit statusbedingten Vorrechten, die sich, wie erwähnt, jedoch zumeist auf den zeremoniellen Bereich beschränkten. Wie aber verhielten sich cognatische Gemeinschaften, die an den Küsten oder an den Flussmündungen wohnten und sich ständig neuen Herausforderungen, aber auch neuen Möglichkeiten gegenübergestellt sahen?
Hier spielten die Adat-Vorschriften der verschiedenen zusammenwohnenden Gruppen eine geringere Rolle und statusbedingte Vorrechte einer dominierenden Linie gab es überhaupt nicht. Hier war nach Wolters (1999:18ff) das Heranwachsen eines primus inter pares, von Wolters "man of prowess" genannt, schon eher möglich. Er musste nur über ein ungewöhnliches Maß an persönlich erworbenem oder angeborenem "soul stuff" verfügen und Qualitäten haben, die ihn deutlich von anderen seiner Generation unterschieden und ihn auch aus dem engeren Kreis seiner Familie heraushoben. In Südostasien hatte nach Wolters jede Gemeinschaft ihren eigenen Begriff für diesen "soul stuff". Die jeweils damit verbundenen Erwartungen waren jedoch so speziell, dass sie nur aus der kulturellen Matrix jeder einzelnen Gemeinschaft erklärt werden können. Damit war zumindest eine Voraussetzung für Herrschaft und zur Staatenbildung in den cognatischen Gemeinschaften gegeben. John Villiers (1999:87) meint dann auch:

"Es besteht kaum ein Zweifel darüber, dass schon in den letzten Jahrhunderten des ersten Jahrtausends v.Chr., noch bevor indische Einflüsse erkennbar werden, in ganz Südostasien, besonders an den Küsten und Flussufern, zahlreiche kleine, befestigte Siedlungen existierten, die zumindest einige Attribute von Staaten aufwiesen. Ihre Herrscher kontrollierten anfangs wohl nur das unmittelbare Umland der jeweiligen Orte - in der Regel durch kriegerische Mittel -, doch dehnten sie alsbald ihre Herrschaftsbereiche auf benachbarte Siedlungen aus und avancierten damit vom ›Häuptling‹ zum ›Monarchen‹, allerdings noch ohne sakrale Legitimation. Häufig regierten die Könige abgelegene Häuptlingstümer auch schon durch Mittelspersonen, oft durch Söhne oder jüngere Brüder, die sich in der Folge nicht selten lossagten und selbst zum Herrscher eines unabhängigen Königreiches deklarierten. Damit entstanden wieder neue Kleinstaaten."
Damit geht Villiers allerdings bereits einen Schritt über die von Wolters angedeutete Entwicklung hinaus. Wolters spricht von der Entstehung so genannter mandalas (Kerngebiete einer regional begrenzten Herrschaft), von "Königreichen" und dergleichen bereits in der Zeit vor der Verbreitung indischer Einflüsse spricht er nicht. Für den hier diskutierten Grenzraum des Indischen Ozeans treffen daher in dieser Zeit Villiers' Charakterisierungen vorerst noch nicht zu. Vielleicht hat er bei seiner für den westlichen Teil Indonesiens der Zeit vorauseilenden Analyse mehr Entwicklungen im nördlichen Vietnam im Auge gehabt, wo es unter chinesisch-konfuzianischem Einfluss schon früher zu einer stärkeren Bürokratisierung, zu einer Beamtenschaft und zu gesellschaftlichen Differenzierungen gekommen war. Sollte es auch im hier diskutierten östlichen Grenzbereich des Indischen Ozeans in dieser Zeit die von Wolters erwähnten "men of prowess" gegeben haben, dann waren diese wohl in erster Linie unter den Orang Laut zu suchen. Diesen war aber eher an der Mehrung ihres Reichtums als an der räumlichen Ausdehnung ihrer Mandalas gelegen und sie beschäftigten sich somit mehr mit der Seeräuberei als mit einer Staatenbildung oder auch nur mit deren Anfängen.


Voraussetzungen und Folgen der "Indisierung" des Raumes

Es wurde schon verschiedentlich angedeutet, dass es in vorchristlicher Zeit noch keinen regelmäßigen Handelsverkehr zwischen Indien und den Ländern "below the winds", also jenseits der Monsunwinde, wie Inder, Perser und Araber die Region später nannten (Reid 1988:6), gegeben hat. Diese Winde wurden von dem griechischen Seefahrer Hippalos etwa 45 n.Chr. entdeckt und beschrieben. Diese Entdeckung wurde damals sowohl von dem anonymen Verfasser des Periplus of the Erythrean Sea, der eine ausführliche Beschreibung seiner Reise vom Mittelmeer an die Malabar-Küste im Westen Indiens verfasst hat, und von Plinius dem Älteren in seiner Natural History weiterverbreitet. Beide lebten bis etwa 70 n. Chr. Um die gleiche Zeit sollen laut J. I. Miller, The Spice Trade of the Roman Empire, erstmals "Gewürze von den Molukken" in Rom aufgetaucht sein (Bellwood 1997:275). Wenn diese Gleichzeitigkeit auch eher zufällig scheint - im Werk von Plinius und im Periplus des unbekannten Autors ist von einem Handel Indiens mit den Ländern des Ostens noch nicht die Rede -, so deutet sie doch an, dass jetzt die Voraussetzungen zu diesem Handel gegeben waren und es sollte nicht lange dauern, bis sich Informationen über die "goldenen Inseln" (suvarnadvipa) im Osten, von denen schon im indischen Epos Ramayana bei der Verfolgung Rahwanas die Rede war, mehrten und allmählich auch konkretisierten. So beschrieb etwa Ptolemäus (100-170 n.Chr.) in seiner Geographia "im Osten von Indien eine goldene Halbinsel", mit der er ohne Zweifel auf die malaiische Halbinsel anspielte (Wheatley 1961:144ff). Aber zunächst profitierte von der Entdeckung der regelmäßigen Winde offensichtlich nur der Handel zwischen dem Mittelmeer und der indischen Malabar-Küste.

Als Ende des 1. Jahrhunderts n.Chr. dann der Handelsverkehr zwischen Indien und China aufkam, konzentrierte sich dieser zunächst auf die nördliche Route. Nach allen vorliegenden Berichten und bei Ausgrabungen gewonnenen Erkenntnissen wurde vom südostindischen Hafen Arikamedu oder von der Ostküste Sri Lankas aus der Golf von Bengalen mit Kurs auf die engste Stelle der malaiischen Halbinsel, den Isthmus von Kra, durchquert. Hier wurden die Güter ausgeladen und über die Landenge (an der engsten Stelle bei Kra Buri ist das Land nur 24 Kilometer breit) von Trägern an die Ostküste gebracht. Dort lagen Schiffe bereit zum Weitertransport der Ware über den Golf von Thailand nach Oc Eo, dem Hafen von Funan, des ersten "Königreiches" von Südostasien. Von dessen ersten Entwicklungen sind nur Legenden bekannt. Danach war das Land vor dem Kontakt mit Indien unter "local chiefs", also Wolters' "men of prowess", aufgeteilt. Allerdings waren diese Häuptlinge keineswegs alle männlich. So soll auch Soma, Tochter der "Naga-Königin", Chefin einer Bande von Piraten gewesen sein. Nachdem sie bei einem Angriff auf ein indisches Handelsschiff eine Niederlage erlitten hatte, heiratete sie Kaundinya, ein vornehm wirkendes Mitglied der indischen Schiffsbesatzung, der ein Brahmane war. Dieser Kaundinya hat Funan zur Handelsstadt ausgebaut, eine Verwaltung nach indischem Muster eingerichtet und durchgesetzt, dass ihr gemeinsamer Sohn die Herrschaft über sieben weitere Mandalas entlang des Mekong-Flusses übernehmen konnte. Auf diese Weise soll das Königreich Funan entstanden sein (D.G.E. Hall 1968:24ff; K.R. Hall 1985:48ff).

Natürlich steckt diese Legende voller Symbole. Soma soll sowohl die in allen Ländern Südostasiens vorhandene Verbundenheit mit der Erdgöttin symbolisieren als auch der damals noch überwiegend mutterrechtlichen Tradition Rechnung tragen, die auch von dem benachbarten, ebenfalls in den ersten Jahrhunderten n. Chr. entstehenden Königreich Champa überliefert ist. Sodann bringt die Legende die Verschmelzung einheimischer Traditionen mit den Fremdlingen aus Übersee zum Ausdruck, die ohne zu zögern als überlegene Kulturträger die Initiative ergreifen und das Reich nach ihren Vorstellungen (zum Beispiel durch das Zusammenfassen der sieben benachbarten Mandalas) gestalten. Schließlich kommt in der Niederlage der Piraten bei ihrem Angriff auf das indische Kaufmannsschiff auch eine Absage an die dabei praktizierte Gewaltanwendung zum Ausdruck.

Im Kern stecken in diesem ersten Muster der "Indisierung" in Südostasien bereits viele Elemente, die sich später in vielfachen Varianten in den anderen Regionen im Grenzbereich zum Indischen Ozean wiederholen sollten. Ein wichtiger Wandel trat im Laufe der Zeit in der Wahl bevorzugter Reiserouten ein. War in den ersten Jahrhunderten die Piraterie in den Gewässern des Archipels noch ein ernstes Hindernis bei der Ausdehnung des Handels in den Ländern "below the winds", so wagte man es ab dem 5. Jahrhundert in zunehmendem Maße, die Straße von Malakka zu durchfahren. Diese bot wegen der Meeresenge und den vielen gut geschützten Buchten den Piraten ideale Verstecke, und zwar auf beiden Seiten des Schifffahrtsweges. Es wurde also eine Schutzmacht für den Handelsverkehr in diesem Raum benötigt, die der Seeräuberei ein Ende setzen konnte. An einer solchen Schutzmacht waren auch die Chinesen interessiert, die nach dem Einfall der Barbaren im Norden Chinas ihre alten Handelswege weitgehend aufgeben mussten. Die nach Süden abgewanderte Liu Sung-Dynastie (420-470 n.Chr.) begann sich daher ganz auf einen Ausbau des maritimen Handels zu konzentrieren.
Im 4. Jahrhundert waren Berichte über ein Handelszentrum Ko-ying im Raum Westjava/Südsumatra in China eingegangen, um die man sich zunächst aber nicht näher kümmerte, zumal deren Bewohner - von den Berichterstattern als ziemlich wilde Gesellen dargestellt - von sich aus keinen Versuch unternommen hatten, mit dem Reich der Mitte in Verbindung zu treten. Wolters, der alle verfügbaren Quellen aus jener frühen Zeit kennt, betrachtet Ko-ying als einen südlich der Straße von Malakka - vermutlich in Südsumatra - gelegenen Zielort indischer Schiffe, deren Waren von hier aus mit lokalen Kräften weiter in die Inselwelt oder direkt nach China gebracht wurden. Auf der anderen Seite wurden hier Waren für den Abtransport nach Indien gesammelt. Dabei handelte es sich um Perlen, Gold, Jade und Kristalle sowie Areca-Nüsse und weitere Produkte aus der Region (Wolters 1967:49ff). Ähnlich wie Ko-ying ist in dieser Zeit eine Zahl von weiteren Handelsplätzen entstanden. In chinesischen Berichten gibt es viele Namen von Orten, darunter das berühmte Kan-to-li, deren exakte Lage bis heute nicht genau bestimmt werden konnte (Wolters 1970:19ff).

Jedenfalls hatte Kaiser Wen Ti (424-453) von der Liu Sung-Dynastie eine ganze Auswahl von Adressen, bei denen er um die Mitte des 5. Jahrhunderts im Raume Südsumatra/Westjava mit seiner Bitte um Schutz der Handelsschifffahrt vorstellig werden konnte. An drei Herrscher solcher frühen und bis heute nicht bekannten indonesischen "Königreiche" sandte er im Jahre 449 Boten, die ihnen "Titel" (Bestätigung von Herrschaftsansprüchen?) überreichen sollten (Wolters 1967:36). Ob das etwas nutzte und ob die chinesischen Schiffe eine längere Zeit unbelästigt durch die Straße von Malakka fahren konnten, ist nicht bekannt. Hier ist es allerdings wichtig darauf hinzuweisen, wie rasch sich nach Aufnahme der Seefahrt zwischen China und Indien in der indonesischen Inselwelt "Königreiche" herausbildeten, welche die vorherige Beschränkung der Macht so genannter "men of prowess" aufhoben und jene Entwicklung zuwege brachten, die Villiers, wie oben erwähnt, schon für die Zeit vor Beginn des Handels konstatieren zu können glaubte. Mit der Machtausdehnung über verschiedene Mandalas hinaus ist aber das, was unter Indisierung verstanden wird, noch keineswegs erfasst. Die wesentlichen Aspekte sind die Legitimation der Herrscher, ihre "Entrückung" von ihrem Volk, ihr gottgleicher Status und das ganze sie umgebende Herrschaftsgepräge, nebst den Institutionen, die ihre Macht absichern und verhindern, dass sie nicht gleich nach ihrem Tode zusammenfällt, wie es bei den "men of prowess" ohne diese Attribute und Glorifizierungen gewöhnlich sogleich der Fall war. Was also hat die eigentliche "Indisierung" bewirkt? Diese Frage wurde seit der Auffindung der gewaltigen Tempelanlagen auf Java, in Birma, in Kambodscha oder in Südvietnam durch Forscher der späteren Kolonialmächte immer wieder gestellt. So hat sich allmählich ein ganzes Geflecht von Theorien gebildet, von denen die wichtigsten hier kurz erwähnt werden sollen:

Dabei soll zwischen drei "Bündeln" von Argumenten unterschieden werden. Das erste Bündel umfasst die Versuche, die Indisierung als Resultat von gewaltsamen Eroberungen durch indische Fürsten und größere Einwanderungswellen indischer Siedler nach Entdeckung der Mosunwinde darzustellen. Sie werden inzwischen oft unter dem Begriff Ksatriya-Theorie zusammengefasst, was bedeutet, dass der Einfluss Indiens auf Druck von außen verbreitet worden sein soll. Dagegen spricht, dass in Südostasien so gut wie keine der sonst üblichen Siegessäulen erfolgreicher Eroberer vorhanden sind und dass, was die Masseneinwanderung betrifft, nirgendwo Reste irgendwelcher indischer Lokalsprachen anzutreffen sind. Dazu kommt, dass - von der Ausnahme Balis einmal abgesehen - auch keine Ansätze zu einer Gliederung der Völker Südostasiens in Kasten nachzuweisen sind. Die Ksatriya-Theorie galt damit lange Zeit als erledigt und hat erst in jüngster Zeit wieder einen Verfechter gefunden, der sich vor allem auf die genaue Befolgung indischer Anleitungen beim Bau der Tempelanlagen stützt (R.E. Jordaan 1999).

Das zweite Bündel enthält jene Argumente, die von einer friedlichen Verbreitung der indischen Vorstellungen ausgehen. Hier sind die Schlüsselfiguren die vaisyas, die indischen Händler, (daher auch Vaisya-Theorie), die in die Region kamen und die einheimische Bevölkerung sowohl mit ihren Waren als auch mit ihren Kenntnissen beeindruckten. Einige blieben nur vorübergehend und warteten auf die neuen Winde zur Weiterreise nach China oder Indien, andere ließen sich an den Küsten nieder, heirateten einheimische Frauen und vermittelten ihr Wissen allmählich an die einheimischen "men of prowess", sodass diese ihre Herrschaft nach indischen Vorbildern ausbauen konnten. Dieser Ansicht steht allerdings die Tatsache entgegen, dass die Zentren der neu entstehenden Reiche in Java, in Angkor oder in Birma Hunderte von Kilometern entfernt tief im Landesinneren entstanden sind, während sich die Händler an den Küsten aufhielten.

Das dritte Bündel von Argumenten geht vor allem auf den im Zweiten Weltkrieg im Kampf gegen die Japaner gefallenen jungen holländischen Wirtschaftshistoriker J.C. van Leur zurück, der Ende der 30er-Jahre in seiner Dissertation über Handel und Gesellschaft in Indonesien kritisiert hatte, dass bei allen Erklärungsversuchen der Indisierung bisher die Einheimischen lediglich als passive Rezipienten dargestellt worden seien (van Leur 1955). Dabei seien die indonesischen Völker seit jeher als große Seefahrer bekannt gewesen. Sie hätten, als sie merkten, dass andere Herrschaftssysteme besser organisiert waren, von sich aus die Initiative ergriffen, seien an die Höfe indischer Fürsten gereist und hätten sich von dort die Brahmanen geholt, die sie zur Neuordnung ihrer eigenen Reiche und zur Legitimation ihrer Herrschaft brauchten. Daher wird diese von vielen übernommene Argumentation auch die Brahmanen-Theorie genannt. Daraus werde auch erklärlich, so argumentierte van Leur weiter, dass die erhaltenen Inschriften auf den Monumenten und die Gesetzestexte alle in Sanskrit, also von Gelehrten abgefasst seien. Im Übrigen aber sei die Indisierung nur eine oberflächliche Tünche auf einheimischen Strukturen gewesen, die nach Abkratzen des Belages gleich wieder zum Vorschein gekommen seien. Die neue Betonung der Eigeninitiative der Völker Südostasiens ist ein großes Verdienst der Arbeiten van Leurs. Dennoch ist auch bei ihm zu fragen, woher die einheimischen Fürsten von anderen Systemen erfahren hatten, die sie später ins Land zu holen versuchten und warum dabei auch Denkvorstellungen akzeptiert wurden, wie etwa jene der indischen Kosmologie, die im eigenen Lande bis dahin keine Entsprechung hatten (ausführlicher zu den Theorien I. A. Mabbett 1977).

Auch wenn Beweise fehlen, haben fast alle vorgetragenen Argumente eine gewisse Plausibilität. Allerdings ist bei weiteren Untersuchungen stärker als bisher örtlichen Besonderheiten nachzugehen, wobei der bei den Südostasiaten und hier vor allem bei den Indonesiern festzustellenden Neigung zu nur selektiver Adaptation von Neuerungen Rechnung zu tragen ist. Das heißt, dass Übernahmen, wenn sie wirklich wirksam werden sollten, sich an eigene Vorstellungen anpassen lassen mussten. Der französische Kulturanthropologe Paul Mus hat z.B. schon früh (1933) in einer eindrucksvollen Studie (Mus 1975) darauf aufmerksam gemacht, dass - lange bevor die Arier nach Indien kamen - im ganzen "Monsun-Asien" ein Netzwerk von Kulten bestand, in denen ein Erdgott bzw. eine Erdgöttin verehrt wurde. Diese Gottheit, Schutzgeist jeder Gemeinschaft, wurde auf sehr unterschiedliche Weise verehrt, sei es in einem einfachen Stein, in einem anderen Gegenstand oder in einem komplexen Opferritual. Dieser Kult überlebte in Indien die Arianisierung und machte Hinduismus und Buddhismus in anderen Regionen Asiens akzeptabel, weil man mit einem wichtigen Element der neuen Kultur schon vertraut war. Als in Südostasien die Phase der Indisierung ihren Höhepunkt überschritten hatte, kehrten in verschiedenen Regionen die vorindischen Formen wieder an die Oberfläche zurück, so dass, wie van Leur später meinte, die alten Strukturen in der Tat leicht wiederzuerkennen sind.


Die Handelsreiche im Grenzbereich des Indischen Ozeans

Srivijaya (7.-13. Jahrhundert)
Während der ersten nachchristlichen Jahrhunderte, als sich der Handel zwischen Indien und China noch vorwiegend über Funan und damit über die Landroute auf dem Isthmus von Kra abspielte, haben sich an beiden Küsten der malaiischen Halbinsel Handelsplätze entwickelt, wo die Waren vorübergehend gelagert wurden, wo regionale Produkte dazukamen und von wo auch Güter in die indonesische Inselwelt verschifft wurden. Zu diesen Handelsplätzen zählten Kra Buri und Takua Pra an der Westküste und Chaiya an der Ostküste der Halbinsel, aber auch im weiteren Umkreis der Überlandroute wurden durch Ausgrabungen Überreste früherer reger Handelsaktivitäten gefunden. Seit Mitte des 5. Jahrhunderts - erinnert sei an die Emissäre des Kaisers Wen Ti im Jahre 449 - wurde dann mehr und mehr die direkte Route durch die Straße von Malakka gewählt. Entsprechend bildeten sich an der Ostküste Sumatras, an der Nordküste Javas und an der Westküste Borneos neue Handelsplätze zur Aufnahme von Wasser, für den Verkauf fremder Waren, den Erwerb lokaler Produkte und zur Rekrutierung neuer Seefahrer. In vielen Fällen ist es bis heute nicht gelungen, in chinesischen Berichten dafür verwendete Ortsnamen genau zu lokalisieren. 1918 erzielte George Coedes mit einem bahnbrechenden Artikel einen Durchbruch, indem es ihm gelang, das chinesische Che-li-fo-chi mit dem aus der Literatur späterer Jahrhunderte schon gut bekannten Srivijaya zu identifizieren und dessen Entstehung in das 7. Jahrhundert im südlichen Sumatra nahe des heutigen Palembang zu datieren. Obgleich gegen Coedes' Thesen im Laufe der Zeit manche Einwände vorgebracht worden sind, sind sie durch neuere Entdeckungen vor Ort inzwischen untermauert worden.

Srivijaya ("die Siegreiche") ist in der Tat das erste "Königreich" im Grenzbereich des Indischen Ozeans, das siegreich aus dem Wettbewerb der verschiedenen Mandalas der Region um die Kontrolle des Handels durch die Straße von Malakka hervorgegangen ist und seine dominierende Stellung dort auch bis Mitte des 11. Jahrhunderts behaupten konnte. Es löste Funan, das als erster Staat vom Fernhandel zwischen Indien und China profitiert hatte, jetzt als Handelszentrum der Region ab, weil die Schiffe nach der Durchfahrt durch die Meerenge und einem kurzen Aufenthalt in Srivijaya direkt die chinesischen Häfen anfuhren und Oc Eo am thailändischen Golf nicht mehr berührten. Stattdessen wurden gelegentlich Häfen des Reiches der Cham (Lin-Yi) im südlichen Vietnam angelaufen. Bei Nutzung der Winde des Südwestmonsuns konnte die Strecke von Südsumatra, Nordjava oder Westborneo, wo ebenfalls Stationen für den Handelsverkehr entstanden waren, nach Südchina in vier Wochen bewältigt werden.

Zur besseren Kenntnis der Organisation des Handelsreiches Srivijaya hat die Entdeckung einer Anzahl von Steinen mit malaiischen Inschriften aus dem 7. Jahrhundert n.Chr. beigetragen. Diese Steine sind Aufforderungen an die Untertanen zur Ablegung von Gelübden zu loyaler Gefolgschaft des Königs ("Haji") von Srivijaya, unter Androhung drastischer Strafen, falls diese Gelübde gebrochen werden sollten. Sie wurden sowohl in und um Palembang gefunden als auch in abgelegeneren "Provinzen". Der berühmteste dieser Schwur-Steine wurde nahe am vermuteten Sitz des Herrschers bei Telaga Batu entdeckt. Er ist umrahmt von einer siebenköpfigen Naga, wodurch die Verbindung zur eigenen vorindischen Tradition der Erdgöttin deutlich wird. Als Zeugin beim Schwur (über die Inschrift des Steines wird Wasser gegossen, das am Boden des Steines in einem kleinen Becken aufgefangen wird und zu trinken ist) wird sie bei einem Bruch des Gelübdes für die entsprechende Bestrafung des Delinquenten sorgen. Die Ausmalung dieser Strafen nimmt einen breiten Raum in der Inschrift ein und deutet an, dass die Gefolgschaftstreue wohl noch nicht besonders ernst genommen wurde.
Hermann Kulke (1990) hat aus der Anordnung der zum Treue-Gelübde aufgeforderten Untertanen des Königs die Organisation des Handelsreiches zu rekonstruieren versucht. An erster Stelle stehen der Kronprinz und die engsten Verwandten des Königs, danach die Minister und Offiziere, die am Sitz des Herrschers residierten. Die Loyalität dieser Gruppen war die wichtigste für den Bestand des Reiches, sie hatten den Eid zuerst zu leisten und ihre Strafen waren im Falle der Untreue die schwersten. Der Herrschersitz selbst wurde zudem von Schutzgeistern aus dem Ahnenkult bewacht. Aber es gab noch mehr Absicherungen für den Herrscher. Auf dem nahe gelegenen Bukit Seguntang war ein religiöses Zentrum zum Studium der neuen Religion, des Buddhismus, eingerichtet worden, der den Herrscher bekanntlich ja als Träger des höchsten Karmas legitimierte. In der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts wurden hier, wie der chinesische Mönch I-tsing schreibt, schon etwa tausend buddhistische Mönche unterrichtet. Srivijaya sei, so schreibt er, ein idealer Vorbereitungsort vor der Weiterreise nach Indien. Wichtig erscheint das für Übergangszeiten typische Nebeneinander alter und neuer religiöser Strukturen.

Auf dem Schwur-Stein folgen nach den Gruppen im Zentrum des Reiches die für die nähere Nachbarschaft und die Peripherie zuständigen Vertreter: Oft waren es Verwandte, die mit der Verwaltung näher gelegener Provinzen betraut waren, sodann Häuptlinge der entfernter liegenden Mandalas, die allerdings nur in loser Abhängigkeit vom Zentrum standen. In einigen Provinzen wurden, wie angedeutet, ähnliche Schwursteine gefunden, die spezieller auf örtliche Verhältnisse eingingen. Hier ist die Anbindung an das Reich offensichtlich noch sehr locker. Kulkes (1990:176) schließt seine Analyse der Inschriften mit der Feststellung:

"… that early Srivijaya was neither an empire nor a chieftaincy but a typical Early Kingdom, characterized by a strong centre and surrounded by a number of subdued but not yet annexed or ›provincialized‹ smaller polities. The unique feature of Srivijayas future development was its peculiarity that it never succeeded, or perhaps even never tried, to change this structure of its bhumi-polity. It is not unlikely that it was Srivijayas reluctance to become an Imperial Kingdom which enabled it to survive for more than five hundred years and to play several times, perhaps often for generations, a dominant role in the history of Southeast Asia…"

Kulke argumentiert hier in der Terminologie der von ihm nur wenige Jahre zuvor selbst mitgeprägten Begriffe "Early Kingdom" und "Imperial Kingdom" (Kulke 1986). Eine "imperiale Politik" hätte beinhaltet, dass versucht worden wäre, für den gesamten Herrschaftsbereich Srivijayas eine zentrale Verwaltung, zumindest aber eine engere Anbindung der vielen von Srivijaya oft nur zeitweise beherrschten Handelsorte an das Zentrum in Palembang zu versuchen. Das aber war nicht geschehen. Die Verbindungen zu den Mandalas in der Peripherie, etwa im Norden der malaiischen Halbinsel und im Süden Thailands, waren somit recht locker. Die örtlichen Partner hüteten sich jedoch, die guten Beziehungen mit dem mächtigen Hegemon aus dem südlichen Sumatra zu gefährden. Die Maharajas galten als zuverlässige und großzügige Partner. Sollte es aber dennoch zu Konflikten kommen, so wusste man, dass die in Diensten Srivijayas stehenden Orang Laut jederzeit wieder zu Strafaktionen gegen aufrührerische Handelsstädte eingesetzt werden konnten.

Für den engeren Operationsbereich entlang der Südküste Sumatras und der Nordküste Javas standen Streitkräfte aus 200 Seeleuten und 2000 Fußsoldaten in Bereitschaft, die aber schnell auf 20 000 Mann erhöht werden konnten. Dies deutet an, dass Srivijaya auch eine Landmacht war und seine Macht nicht nur auf dem Seehandel basierte (K. R. Hall 1985:79f). Besonders mit Melayu, seinem Vorgänger in der Beherrschung des Seeverkehrs südlich der Meerenge, dessen Herrschaftsgebiet am Batang Hari-Fluss nördlich von Palembang gelegen war, hatte es, wie aus chinesischen Quellen hervorgeht, zu Beginn des Aufstiegs von Srivijaya immer wieder Auseinandersetzungen gegeben, bis Melayu schließlich gegen Ende des 7. Jahrhunderts, wie erwähnt wurde, "ein Teil von Srivijaya" geworden war.

Weniger berechenbar als die Konkurrenten aus dem malaiischen Raum waren von außen kommende Feinde. Die Nachricht von Srivijayas unermesslichem Reichtum brachte ihm nicht nur Bewunderung, sondern auch Neider. Zu Beginn des 10. Jahrhunderts publizierten zwei arabische Geographen Geschichten über das ganz besondere Verhältnis der Maharajas von Srivijaya zum Meer. Täglich, so berichteten sie, gehe der Maharaja an eine bestimmte Stelle am durch das Zentrum des Reiches fließenden Musi, werfe einen Goldklumpen in der Größe eines Ziegelsteins in den Fluss und rufe dabei: "Seht, dort (im Wasser) liegt mein Reichtum!" Beim Tod eines Königs wurde das Gold wieder aus dem Fluss herausgeholt und unter die engere Familie, die Staatsbeamten und andere Untertanen des Königs verteilt (Hall 1985:80f).

Auf diese Weise wurden andere Völker auf den Reichtum Srivijayas aufmerksam. Im Südosten Indiens gab es z.B. das Reich der Cholas. Diese hatten in verschiedenen Regionen im Grenzbereich des Indischen Ozeans Handelsniederlassungen eingerichtet und dort schon häufiger mit den Vasallen Srivijayas Konflikte ausgetragen. Diese Cholas fielen im Jahre 1025 in Palembang ein, eroberten den Herrschersitz, raubten seine Schätze und entführten den Maharaja. Da zur gleichen Zeit auch einige seiner Vasallen in Sumatra und Kedah auf der malaiischen Halbinsel von den Cholas überfallen wurden, hat sich Srivijaya von diesen Schlägen nie wieder erholt. Ein Teil des Restes von Srivijaya tat sich gegen Ende des 11. Jahrhunderts mit dem benachbarten Melayu am Batang Hari zusammen. Vor dem Aufstieg Srivijayas war dies, wie erwähnt, die vorherrschende Macht in der Region gewesen und diese Rolle versuchte es nun erneut zu spielen (Watson/Andaya 1982:26ff).
Der Niedergang Srivijayas zeigte sich bald auch in wieder zunehmenden Aktivitäten der Seeräuber. Lange Zeit hatten die Orang Laut als Seepolizei Srivijayas die Sicherheit auf den Meeresstraßen garantiert. Als offensichtlich wurde, dass Srivijaya die gewohnten Preise für ihre Dienste nicht länger zu zahlen im Stande war, begannen die Orang Laut wieder in die eigenen Taschen zu wirtschaften. Die Überfälle auf die Handelsschiffe mehrten sich so im 12. und 13. Jahrhundert in der Straße von Malakka zusehends. Klagen darüber kamen nicht nur von chinesischen und indischen Kaufleuten, sondern auch von den inzwischen selbst verstärkt zum Handel übergegangenen javanischen Nachbarn.

Majapahit (13.-15. Jahrhundert)
Auch auf Java hatten sich in der Zeit des Aufstiegs von Srivijaya aus früheren Mandalas analog zu Sumatra "early kingdoms" entwickelt, mit einer starken Konzentration der Macht im Zentrum und zunächst nur schwachen Anbindungen der Peripherie an das Herrscherhaus. Die an der Küste entstandenen Fürstentümer wurden daher bald zu Vasallen Srivijayas, denn die bedeutendsten Königreiche entstanden tief im Inneren des Landes, fernab von den Handelsstraßen. Im 8. und 9. Jahrhundert waren von buddhistischen und shivaitischen Herrschern die großen Tempelanlagen des Borobodur und des Prambanan in Mitteljava, nicht weit entfernt von Yogyakarta, gebaut worden. Zumindest die sich zum Buddhismus bekennende Shailendra-Dynastie hatte dabei enge Beziehungen zu Srivijaya unterhalten. Aus nach wie vor ungeklärten Gründen war dann im 10. Jahrhundert die große Abwanderung der inzwischen vereinigten Königshäuser aus Mitteljava nach Ostjava erfolgt. Dort war von Beginn an ein stärkeres Interesse am Handel als in Zentraljava festzustellen, und hier entstand nach einiger Zeit dann auch Majapahit, das als einziges indonesisches Reich in die Reihe der "imperial kingdoms" eingeordnet werden kann. Auf die Ausdehnung des Reiches Majapahit, die vor allem auf Angaben von Prapança, dem Oberhaupt der Buddhisten und Verfasser der Reichschronik Nagarakertagama, zurückgeführt wird, soll hier nicht näher eingegangen werden. Viele der angeführten Orte, die angeblich unter der Herrschaft Majapahits standen, scheinen mehr das geographische Wissen des Verfassers als die tatsächlichen Verhältnisse zu spiegeln. Für ein näheres Studium der Organisation und der Verwaltung des Staates in Ostjava sind die Angaben Prapancas unverzichtbar. Hier soll allerdings mehr auf die Handelsaktivitäten verwiesen werden, die in früheren Arbeiten über Majapahit als "typisches Inlandreich" häufig zu kurz gekommen sind.

Der Reichtum Majapahits wurde lange Zeit ausschließlich auf das in der fruchtbaren Brantasebene in Ostjava im Reisanbau erwirtschaftete agrarische Surplus zurückgeführt und auf Einnahmen, die durch Steuern, Brücken- und Wegezölle und die Kontrolle der Wasserwege gewonnen werden konnten. Weniger Beachtung fand in der Literatur eine Entwicklung, die sich gerade zur Zeit der Gründung von Majapahit Ende des 13. Jahrhunderts bemerkbar zu machen begann. Dies war die ständig wachsende Nachfrage nach Gewürzen, mit denen die Europäer während der Kreuzzüge im östlichen Mittelmeerraum bekannt geworden waren. Das bedeutete in erster Linie die Nachfrage nach Muskatnüssen und Gewürznelken, die die Europäer wegen der hohen Gewinnmargen später dazu treiben sollte, selber den Weg in die Molukken zu suchen. Vorerst aber wurden diese Waren aus dem Osten der indonesischen Inselwelt von javanischen Seefahrern beschafft. Entlang der Küste Nordjavas und vorbei an den kleinen Sunda-Inseln entstanden neue Hafenstädte wie Banten, Cheribon, Jepara, Tuban, Grisse, Surabay und Makassar, die Majapahit rasch unter seine Kontrolle brachte. Gab es bis dahin in den indonesischen "Binnenlandreichen" die erwähnte starke Konzentration auf die agrarische Produktion, "… the broad extension of trade in the 14th century changed all this. In response to the greater global demand for Southeast Asian spices the number of people who engaged in or derived their income from commerce greatly expanded; the repercussions of the intensifying trade even penetrated the local population clusters where farmers in the river-plain states responded to the multiplying demand for their rice, which flowed from the hinterland to provision the local centers of trade. Coastal populations in turn exported this rice surplus to new cosmopolitan centers of trade and to the spice production centers of the Indonesian archipelago, where the rice was consumed by the newly specialized populations who grew or collected the spices. The rulers of new expansionist states came to depend on the taxation of commerce rather than of their subject villages … All these developments had begun prior to the arrivals of the European traders in the sixteenth century." (Hall 1985:258)

Die gleichen Gründe, die entscheidend dazu beitrugen, dass das Reich Majapahit, das erst Ende des 13. Jahrhunderts entstanden war, binnen kurzer Zeit zu einer großen Macht im Grenzbereich des Indischen Ozeans heranwachsen sollte, waren allerdings auch maßgeblich dafür verantwortlich, dass diese etwa 150 Jahre später bereits wieder verloren gehen sollte. Dies geschah dann durch den Verlust der Kontrolle der Seestädte wegen der missionarischen Aktivitäten islamischer Händler, die allmählich den Gewürzhandel dominierten und in den Städten gegen die hindu-buddhistischen Herrscher Majapahits Intrigen spannen, sie als Ungläubige diffamierten und damit den Abfall der Städte von Majapahit vorbereiteten.

Im 14. Jahrhundert jedoch eilte das neu entstandene Reich noch von Erfolg zu Erfolg und versuchte auch, als Ordnungsmacht in der Straße von Malakka aufzutreten. Dabei kam es wiederholt zu Strafaktionen gegen die Reste von Srivijaya. Teile der früheren Reichsgrößen hatten sich nach der Zerstörung Palembangs gegen Ende des 11. Jahrhunderts tiefer in das Innere Sumatras in das Reich der Minangkabau zurückgezogen. Sie gründeten dort das Reich Pagaruyung, das auch in der Folgezeit Mitglieder des aus Palembang vor den Angriffen Majapahits flüchtenden Adels von Srivijaya aufnahm. Auf diese Weise lebte dessen Ansehen im Inneren Sumatras vor allem unter den Stammesgemeinschaften noch Jahrhunderte weiter (Drakard 1999).

Andere Adelige Srivijayas, die sich mit den früheren Erzfeinden aus Melayu am Batang Hari ausgesöhnt hatten, versuchten den Goldhandel und die alten Kontrollfunktionen auf dem Meer weiterzuführen und wurden deswegen auch nach Gründung der Ming-Dynastie (1368) am Hofe des Kaisers in China vorstellig, um sich ihre Vormachtstellung bestätigen zu lassen und sich so der javanischen Konkurrenz mit chinesischer Billigung entledigen zu können (Wolters 1970:49ff). Kaiser T'ai Tsu in hat in Verkennung der wahren Verhältnisse Srivijaya/Jambi dann auch 1377 noch einmal als führende Macht der Region bestätigt. Dies führte 1391 zu einer neuen und letzten Strafaktion Majapahits gegen Palembang, wobei der alte Herrschersitz Srivijayas endgültig zerstört wurde. Etwa ein Jahrzehnt später hieß es, der Hafen von Palembang sei jetzt ein Tummelplatz von Seeräubern unter Anführung eines chinesischen Piraten (Watson/Andaya 1982:30f). Aber auch Majapahit sollte nicht lange den Status als führende Seemacht der Region beibehalten, denn es war nicht nur Pagaruyung im Inneren Sumatras, das sich als wahrer Erbe Sumatras betrachtete.

Malakka (15.-16. Jahrhundert)
In den Jahrhunderten des Zerfalls der Autorität von Srivijaya und des Aufkommens der Macht von Majapahit hatte sich entlang der Handelsstraße von Indien nach China eine Vielzahl neuer Handelsplätze gebildet, die sich weder als Vasallen Srivijayas noch als Vasallen Majapahits betrachteten. Insbesondere an der Nordküste von Sumatra waren schon frühzeitig solche Stationen entstanden. Das am westlichsten - direkt am Indischen Ozean - gelegene Barus oder, wie es auch genannt wurde, Fansur, war der erste von Indien aus erreichbare Hafen in Sumatra und früher eine Dependance von Srivijaya gewesen. Er wurde vor allem dann angelaufen, wenn Schiffe in Seenot geraten waren und vor der Weiterreise durch die Straße von Malakka noch Reparaturen vorgenommen werden mussten. Im Laufe der Zeit wurde Barus dann aber auch ein wichtiger Ort der direkten Ausfuhr spezifisch sumatranischer Produkte wie Pfeffer, verschiedener Harze, Edelhölzer und vor allem auch von dem nach ihm benannten "Barus-Kampfer". Außerdem war Barus wichtig für den Kontakt der Batakvölker im Inneren Sumatras mit der Außenwelt (Drakard 1990). Aber Barus war von der Hauptroute zu abgelegen, als dass es zu einer zentralen Anlaufstelle für den Fernverkehr und zu einer echten Handelsmetropole hätte werden können.

Dies wurden an der Ostküste der später als Aceh bekannten Provinz zunächst Aru, dann Perlac und schließlich Samudra Pasai und Lamuri. In Perlac machte etwa Marco Polo im Jahre 1292 auf seiner Rückreise von China nach Venedig Station und wartete hier den Wechsel der Monsun-Winde ab. Von ihm wissen wir als erster vertrauenswürdiger Quelle, dass in diesen Küstenorten zu dieser Zeit schon der Islam Verbreitung gefunden hatte, während das Hinterland "noch heidnisch" und von angeblich Furcht erregenden Stämmen besiedelt war. Im Laufe des 14. Jahrhunderts ist dann Pasai oder "Samudra" (= "das Land am Ozean", wonach die Insel ihren Namen Sumatra erhalten hat) die Hauptanlaufstelle der Handelsschiffe geworden. Hier waren ganz offensichtlich die für den internationalen Handel erforderlichen Bedingungen in der Region die besten, bis zu Beginn des 15. Jahrhunderts Malakka Pasai in dieser Funktion ablöste und als der wirkliche Erbe Srivijayas auftrat.

Es gibt zwei zeitnahe Berichte, die uns über die Entstehung Malakkas überliefert sind: Das ist einmal die malaiische Chronik Sejarah Melayu (in der Überlieferung aus dem Jahre 1612), die einen Überblick über Entstehung und Entwicklung Malakkas bis zu seiner Eroberung durch die Portugiesen gibt , und das ist zum anderen das sechste Kapitel der Suma Oriental des portugiesischen Apothekers und ersten europäischen Chronisten Tomé Pires, der die gleichen Themen behandelt und sein Werk schon im Jahre 1515 verfasste. In beiden Arbeiten wird betont, dass der Gründer Malakkas, Paramesvara, aus Srivijaya stammte. Nach der letzten javanischen Strafaktion (1391) sei er mit einem Gefolge von Getreuen aus Palembang geflüchtet und habe zunächst versucht, sich in Singapur, dem damaligen Tumasik, einzurichten. Von dort sei er aber durch einen Vasallen von Ayuthia wieder vertrieben worden und in die Gegend des heutigen Malakka weitergezogen. Für seine Pläne der Einrichtung eines neuen und sicheren Hafens war dies dann tatsächlich der ideale Ort:

"Situated on the convergence of the sea-lanes from India and China, the Melaka harbour was sheltered, free of mangrove swamps, with approaches sufficiently deep to allow large vessels safe passage. There were also connections with the interior, for the Melaka river gave access to a trans-peninsular trade route … In addition, Melaka had a pleasant climate and an abundant supply of fresh water. However, the decisive factor in its favour was its naturally defensible position." (Watson/Andaya 1982:40)

Es waren jedoch nicht nur die natürlichen Bedingungen, die zum raschen Aufstieg Malakkas als bedeutendstem Umschlagplatz in der Geschichte der Region führten. Wichtig war auch, dass es Paramesvara rasch gelang, die früher in Diensten Srivijayas tätigen und inzwischen zur Seeräuberei zurückgekehrten Orang Laut wieder als Bundesgenossen zu gewinnen. Er gab ihnen die Chance, wie in der Zeit Srivijayas auf legale Weise mehr profitieren zu können als durch die Piraterie. Zum Erfolg dieser Politik hat beigetragen, dass in China 1402 Kaiser Yung-lo an die Macht gekommen war, der den chinesischen Überseehandel zu einer neuen Blütezeit führen wollte und dem dabei - nach den Erfahrungen seines Vaters mit den um die Macht in der Region rivalisierenden Gruppen aus Java und Sumatra - ganz besonders an sicheren Häfen gelegen war. Von Jung-lo wurde Malakka daher von der ersten Stunde an gefördert, und diese Unterstützung beeindruckte nicht nur die Orang Laut, sondern auch die sich damals in Thailand neu entwickelnde Macht Ayuthia. Diese erstrebte die Vorherrschaft auf der gesamten malaiischen Halbinsel und verlangte von Paramesvara sogleich Tributzahlungen. Malakka aber konnte diese Forderungen mit Unterstützung der Chinesen in den ersten Jahrzehnten wiederholt zurückweisen und wurde schließlich von Ayuthia als neue selbstständige Handelsmacht anerkannt.

Ein weiterer günstiger Umstand war dadurch entstanden, dass die muslimischen Händler in Pasai angesichts des schnellen Aufblühens von Malakka ihren anfänglichen Widerstand gegen den neuen Konkurrenten aufgaben. Die Vermählung einer Tochter des Sultans von Pasai mit dem Sohn Parameswaras, Iskandar Schah (etwa 1412), bedeutete dessen Übertritt zum islamischen Glauben und seither galt Malakka zumindest in der Welt der Händler als ein islamisches Handelszentrum. Die einfache Bevölkerung Malakkas, die bis dahin eine auf Ahnenkult und Animismus gestützte, aber auch durch Hinduismus und Buddhimus beeinflusste Religion praktizierte, vollzog diesen religiösen Wandel nicht so schnell wie die herrschende Elite. Noch 1462 schrieb ein arabischer Besucher, die Einwohner Malakkas hätten keine Ahnung vom wirklichen Islam. "Ungläubige" heirateten islamische Frauen, während sich Muslime "Heidinnen" zur Frau nähmen. Aber auch die Sultane Malakkas waren keine fanatischen Muslime. Bis zur Eroberung durch die Portugiesen gab es in Malakka etwa keine Sondersteuern für nicht-muslimische Händler und für die Muslime selbst keine Befreiung von Einfuhrsteuern, wie es in einigen indischen Häfen damals schon durchaus üblich war (Thomaz 1993:79).

Diese Liberalität und einfache Zollregelungen lockten Händler aus allen Richtungen in die rasch auf 50 000 Einwohner heranwachsende neue Handelsmetropole. Für die Händler waren die vier so genannten Syahbandars oder Hafenmeister zuständig: einer für die Gujarati, die schon frühzeitig die größte Händlergruppe stellten; ein zweiter für die Händler aus Südindien und Bengalen sowie für jene aus Birma und Pasai; ein dritter für aus Indonesien kommende Händler und der vierte schließlich für solche aus China, Champa und aus Japan. Die Syahbandars empfingen die Händler bei ihrer Ankunft, wiesen ihnen ihre Lageplätze zu und vereinbarten die zu entrichtenden Zölle. Außerdem waren Abgaben zu leisten: 1. an den Herrscher, 2. an den Bendahara, d.h. den Ministerpräsidenten und Schatzmeister und 3. an den Tumenggung oder Polizei- und Innenminister, an den auch die Zölle zu zahlen waren. Einfacher noch war das Abgabensystem für größere Schiffe. Deren Kapitäne hatten 6 Prozent des Frachtwertes zu entrichten und waren von weiteren Abgaben befreit. Mit der Aufzählung der Abgaben und der wenigen Staatsbeamten ist das einfache Verwaltungssystem schon weitgehend beschrieben. Schier unbegrenzt war dann das Angebot auf dem Markt: Aus Gujarat kamen Stoffe, Teppiche und Gobelins, Arzneien, Weihrauch und Opium; aus Bengalen kam weißes Tuch, Zucker, Fleisch, Fisch, Früchte; aus Birma Edelsteine, Schiffshölzer, Reis, Öle und Lackwaren; aus China Porzellan, Keramik, Seide sowie Eisen- und Kupferwaren, Handarbeiten und Ornamente; aus Japan Seide, Webwaren, Porzellan, Silber, Waffen, Reis und Gemüse; aus Indonesien schließlich Gewürznelken, Muskatnüsse, Sandelhölzer, Vogelnester, Pferde und Sklaven aus den östlichen Inseln; aus Java und Sumatra Krise, Batik, Gold, Zinn, Harze, Kampfer, Bienenwachs, Honig und Pfeffer etc. (nach Dunn 1984:51).

Gold (vorwiegend aus dem Minangkabau), Silber (aus Japan) und Zinn von der malaiischen Halbinsel und vorgelagerten Inseln (Bangka) waren wertvolle Angebote auf dem Markt von Malakka. Dessen einträglichstes Handelsgut aber waren die Gewürze, die jährlich in großen Mengen aus den Molukken und von den Banda-Inseln nach Malakka verschifft wurden. Der größte Teil davon verblieb ganz offensichtlich in Asien, aber ständig wachsende Mengen wurden auch über Indien und den Levantehandel ans Mittelmeer gebracht. Ende des 15. Jahrhunderts sollen es jährlich 75 Tonnen Gewürznelken und 37 Tonnen Muskatnüsse gewesen sein (Ptak 1995:149ff), die auf dem europäischen Markt gewaltige Preise erzielten. Sie trugen ihren Teil dazu bei, dass Portugiesen und Spanier keine Mühe scheuten, um selber an die Quellen dieses Reichtums zu kommen, was ihnen zu Beginn des 16. Jahrhunderts dann schließlich auch gelang.

Die Konsequenzen der gewaltsamen Eroberung Malakkas im Juli 1511 durch "Alfonso de Albuquerque, Capitan-Major and Governor of the Indies", wie Pires ihn nennt (1944:278), waren gewaltig - nicht nur für Malakka, sondern für den gesamten hier diskutierten Raum: "It is hard to exaggerate the significance of this turning-point in history - the introduction of European power, with its soldiers, missionaries, traders and sailors into Southeast Asia. In the process of trying to impose some kind of maritime trading organization on the region, the Portuguese, and later the Dutch and the English fought devastating wars which broke up existing webs of commerce and culture, divided kingdoms and disrupted local politics." (Hoyt 1996:34)

Das Sultanat Aceh (16.-20. Jahrhundert)
Für die indonesische Inselwelt sind die unmittelbaren Folgen der Durchsetzung europäischer Handelsinteressen von 1500 bis 1630 detailliert durch Meilink-Roelofsz (1962) beschrieben worden. Die sich nach dem Fall von Malakka zunächst als "Ersatz" für die asiatischen Händler anbietenden Häfen von Banten (Westjava) und Makassar (Südcelebes) wurden bald von der seit Beginn des 17. Jahrhunderts in den indonesischen Gewässern dominierenden niederländischen Ostindien-Compagnie (VOC) - wie übrigens auch Malakka selbst (1644) - in ihren Machtbereich eingegliedert, sodass in diesen Städten von selbstständigem Handel und eigener Herrschaft nicht mehr die Rede sein konnte.

Anders aber war es in Aceh, das sich im Norden Sumatras schon bald nach der Eroberung Malakkas als eigenes Sultanat etablierte, das seine Unabhängigkeit nicht nur gegen portugiesische Expeditionen verteidigte, sondern selbst mit seiner Flotte Belagerungen Malakkas durchführte, um die ungebetenen Gäste wieder aus dem Grenzbereich des Indischen Ozeans zu vertreiben. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelang es der niederländischen Kolonialmacht nach einem verbissen geführten, 30 Jahre währenden Krieg (1873-1903), Aceh schließlich in seinen niederländisch-indischen Kolonialstaat einzugliedern. Welches waren nun die Gründe, die es Aceh ermöglichten, seine Selbstständigkeit, welche die VOC nie ernsthaft gefährden konnte, über Jahrhunderte zu erhalten, ungehindert und zum Teil in direkter Konkurrenz zu den Kolonialherren seinen eigenen Handelsinteressen nachzugehen und die europäischen Mächte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zu zwingen, seine Unabhängigkeit zu respektieren?

Zum Abschluss der vorliegenden Arbeit soll der Versuch unternommen werden, thesenartig einige Ursachen zu nennen, die helfen können, diese Sonderentwicklung des nordsumatranischen Sultanats zu erklären:
1. Die Bewohner der zu Aceh gehörenden nordsumatranischen Küstenorte, die nach Aufnahme der regelmäßigen Schifffahrt durch die Straße von Malakka als erste bzw. letzte Anlaufstationen fungierten, waren schon immer freiheitsliebend und haben sich als kühne Seefahrer weder Srivijaya noch Majapahit noch Malakka untergeordnet.
2. Die Aceher waren kampferprobt. Auch untereinander hat es um die Vorrangstellung zwischen Aru, Perlac, Samudra/Pasai, Pidië und Lamuri immer wieder erbitterte Gefechte gegeben, denn nur die stärkste Hafenstadt zog die Handelsschiffe an und diese wiederum brachten Reichtum und Macht.
3. Der Islam war hier früh verbreitet und wurde durch den ständigen Kontakt mit der arabischen Welt immer wieder erneuert, sodass die hartnäckige Gegnerschaft zu den "Ungläubigen" auch hierin eine wichtige Begründung findet.
4. Nach der Eroberung Malakkas durch die Portugiesen erwiesen sich Freiheitsliebe, Kampfgeist und Bekenntnis zum Islam als eine so brisante Mischung, dass es gelang, 1523 Portugal aus dem kurz zuvor besetzten Pasai zu vertreiben und eigene Handelsbeziehungen zwischen dem neu gegründeten Sultanat Aceh und Anlaufstellen im Roten Meer zu schaffen, die zu einer echten Konkurrenz für Portugal werden sollten (Reid 1979:46f).
5. Die längere Zeit das Sultanat für ihre eigenen Ziele missbrauchenden Orang Kaya oder Reichsgroßen wurden zu Beginn des 17. Jahrhunderts von Sultan Iskandar Muda (1607-36) in politischen Ämtern dauerhaft entmachtet. Aus ihnen entstand die Klasse der uleebalangs (Feudalherren), eine der Säulen der acehnesischen Gesellschaft bis ins 20. Jahrhundert.
6. Iskandar Muda gelang es daneben, neue Gebiete für den Pfefferexport zu erschließen, den Einfluss fremder Händler auf ein Minimum zu reduzieren und die Macht des Sultanats so zu festigen, dass sie auch unter schwächeren Nachfolgern Bestand hatte (Lombard 1967).
7. Als entscheidender Faktor für die dauerhafte Selbstständigkeit des Sultanats ist schließlich die sich weiter ausbauende Führungsrolle des Islams in der Region anzusehen. Mit Hamzah Fansuri von Barus, Syamsuddin von Pasai, Abdur-Rauf von Singkel und Nurdin ar Raniri von Arabien wirkten im 17. Jahrhundert in der islamischen Welt hoch respektierte Mystiker und Rechtsgelehrte am Hofe der Sultane von Aceh. Als angesehene Literaten haben sie dazu durch ihre Werke die Grundlagen für eine eindrucksvolle und dauerhafte malaiisch-islamische Kultur geschaffen (Brakel 1979:56ff). Diese sowie die Entschlossenheit Acehs zur Verteidigung seiner Unabhängigkeit haben später wichtige Impulse zum Entstehen eines indonesischen Nationalbewusstseins geliefert.

 

Literatur

Brakel, L. (1979): State and Statecraft in 17th Century Aceh. In: Pre-Colonial State System in Southeast Asia. Monographs of the Malaysian Branch of the Royal Asiatic Society No. 6, Hg. A. Reid/L. Castles. Kuala Lumpur: 56-66
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Kathirithamby Wells, J./Villiers, J., Hg. (1990): The Southeast Asian Port and Polity. Rise and Demise. Singapore: Singapore University Press
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Kulke, Hermann (1990): Kadatuan Srivijaya - Empire or Kraton of Srivijaya? In: Bulletin de l'Ecole française d'Extrême Orient (BEFEO) 80: 159-180
Lombard, Denys (1967): Le sultanat d'Atjeh aux temps d' Iskandar Muda 1607-36. Paris: Ecole Française d'Extrême-Orient
Mabbett, I.W. (1977): The "Indianization" of Southeast Asia. In: Journal of Southeast Asian Studies (JSEAS) Singapore 8/1 u. 2: 1-14, 143-161
Meilink-Roelofsz, M.A.P. (1962): Asian Trade and European Influence in the Indonesian Archipelago between 1500 and about 1630. The Hague: Martinus Nijhoff


Quelle: Der Indische Ozean. Das afro-asiatische Mittelmeer als Kultur- und Wirtschaftsraum. Herausgegeben von Dietmar Rothermund, Susanne Weigelin-Schwiedrzik. Wien: Promedia 2004.
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